Dubs:
Diese
Gliederung mag akademisch erscheinen.
Es soll aber die Vielgestaltigkeit des
Frontalunterrichts deutlich werden.
Jede Form des Dialogs folgt anderen Regeln: Dadurch
erhält der Frontalunterricht sehr verschiedene Choreographien.
(1) Der Dialog als Instruktion (in der Form des Lehrgespräches und des Modellierens): Sein Ziel ist es, die Lernenden durch geschickte Vermittlung zwischen ihrem Wissen und Können sowie neuen Lerninhalten mittels Fragen, Hinweisen, Ergänzungen (Scaffolding) zu einem bestimmten Ziel zu führen. Dabei ist nicht nur das Ergebnis (Produkt), sondem auch der Weg zum Ziel (Prozess) von Bedeutung, indem die Lernenden im Dialog auch bewusst erfahren müssen, auf welchem Weg (Prozess) sie zum Ergebnis (Produkt) gekommen sind.
Im Prinzip entspricht der Dialog als Instruktion einer - allerdings kognitiv anspruchsvolleren - Form der herkömmlichen fragend-entwickelnden Lehrmethode, in welcher Elemente des kognitiven Behaviorismus mit Gedanken der Konstruktivisten verknüpft werden, ... wobei die folgenden Merkmale hervorzuheben sind:
§ Die Lehrkräfte veranlassen die Lernenden zu aktiven, eigenen Beiträgen im Dialog und nicht nur zur Reaktion auf Fragen;
§ sie verwenden Schülerbeiträge, um daraus Wissen zu konstruieren sowie Denk- und Lernstrategien aufzubauen, die den Lernenden deutlich sichtbar gemacht werden;
§ auf diese Weise verlagern sie den Unterricht vom Auswendig- und Routinelernen auf anspruchsvolleres kognitives Lernen;
§ sie unterstützen die Lemprozesse so, dass die Lernenden immer mehr zu Eigenaktivitäten fähig werden;
§ sie prägen die Lernprozesse so, dass sie zu bestimmten Lernergebnissen, die für die Lernenden bedeutsam sind, führen.
Anwendung: Der Dialog als
Instruktion eignet sich vor allem dann, wenn die Lernenden komplexes Wissen
erarbeiten (konstruieren) sowie Denk- und Lernstrategien erarbeiten und
verinnerlichen sollen.
(2) Der Dialog als Entdecken (in der Form des Lehrgespräches) dient dazu, eine bestimmte Fragestellung zu beantworten oder ein bestimmtes Problem zu lösen. Deshalb läuft der Dialog nach den Regeln eines Such- oder Problemlöseprozesses ab, in welchem das Entdecken und das kritische Denken an einem Gegenstand gefördert wird.
Anwendung: Der Dialog als Entdecken
eignet sich in Unterrichtssituationen, in denen Erkenntnisse (Wissen,
Denkstrategien) aus einer Problemstellung gewonnen werden sollen (z. B. eine
Regel aus einem natur-wissenschaftlichen Experiment oder ein
rechtswissenschaftlicher Begriff aus Rechtsfällen). Wichtig ist, dass nach
Abschluss des Entdeckens Generalisierungen vorgenommen werden (welche
allgemeinen Schlüsse oder Erkenntnisse lassen sich ziehen?).
(3) Der Dialog als Konversation (in der Form der Klassendiskussion) wird geführt, wenn es darum geht, sich gegenseitig zu verstehen, ein Problem gemeinsam zu erkennen oder einen andern Standpunkt zu erfassen. Ziel der Konversation ist es also, Einsicht und Verständnis zu gewinnen, nicht aber schon Lösungen oder Meinungsübereinstimmung zu erhalten.
Anwendung: Der Dialog als Konversation eignet
sich insbesondere beim Einstieg in eine neue Unterrichtsthematik (Motivation,
Erfassen des Kenntnisstandes der Schülerinnen und Schüler, Angleichen der
Lernvoraussetzungen). Sehr wichtig ist er im affektiven Bereich bei der
Werteklärung und Werterhellung
(4) Der Dialog als Debatte (in der Form einer
Klassendiskussion) dient der Klärung von unterschiedlichen Meinungen und
Werthaltungen. Im Gegensatz zum Entdecken kann es zu einem Konsens oder zu
einem Fortbestehen unterschiedlicher Meinungen kommen. Ein schulischer Dialog
als Debatte muss immer so geführt werden, dass die Lernenden zu unterscheiden
lernen zwischen Tatsache und Meinung, Fakten und Behauptungen sowie Aussagen,
die unter bestimmten Prämissen (Werthaltungen, Einstellungen usw.) zutreffen
oder nicht richtig sind.
Anwendung: Dialoge als Debatten sollen im
Unterricht möglichst häufig bei Streitfragen aller Art geführt werden, weil sie
für die Kultur des menschlichen Zusammenlebens und für die evolutive
Fortentwicklung einer Gesellschaft sehr wichtig sind: Je weniger die Menschen
die Kunst guter Debatten beherrschen, desto ärmer wird die Kultur.
1.
Das Vermitteln zwischen Lernenden und Lerninhalten
Die
Lehrkraft muss den Wissens- und Könnensstand der Lernenden zu Beginn eines
Lernabschnitts genau erfassen, denn Lernende bauen ihr neues Wissen und Können
auf ihrem Vorwissen und auf ihrem bisherigen Verständnis auf.
->
Lernen in der Zone der proximalen Entwicklung (Vygotsky) = die Differenz zwischen dem, was
die Lernenden von sich aus intellektuell allein bewältigen und dem, was sie nur
mit Hilfe der Lehrenden können.
2. Scaffolding
Der
Prozess (der Hilfestellungen), der die Lernenden befähigt, ein Problem zu
lösen, eine Aufgabe auszuführen oder ein Ziel zu erreichen. Scaffolding
(„Gerüstbauen“) unterscheidet sich von den traditionellen, behavioristisch
orientierten Frage-Antwort-Ketten, indem
§
der
Dialog nicht in einer theatralisch-perfekten Form mit vielen kleinen
Lernschritten, die ausschliesslich auf richtige Antworten ausgerichtet sind,
abläuft, sondern Denkpausen eintreten können,
§
Fehler
und Missverständnisse nicht unterdrückt, sondern für das weitere Lernen
fruchtbar gemacht werden,
§
ein
wirklicher Dialog das traditionelle Schema «die Lehrkraft fragt - die Lernenden
antworten» erweitert,
§
die
Lernenden zunehmend mehr aus der Hilfestellung der Lehrkraft befreit werden und
selbständig lernen und denken (vom direkten zum indirekten Unterrichtsverhalten
der Lehrkraft).
In diesem Sinn haben Paris/Winograd (1990) das Scaffolding in einem umfassenden Sinn mit sechs Merkmalen charakterisiert:
(1) Die Lehrperson muss die Inhalte so vorbereiten
und vorgeben, dass die Lernenden daran Interesse finden. Dies bedingt eine
Stoffauswahl, die für das spätere Studium, den Beruf und das Leben relevante
Problembereiche anspricht.
(2) Trotz anspruchsvoller Problemstellungen muss für
die einzelne Lektion die AufgabensteIlung so reduziert werden, dass sie von den
Lernenden mit ihrem Vorwissen erfasst und bearbeitet werden kann.
(3) Die Lehrperson hat durch eine Vielzahl von
anregenden Interventionen dafür zu sorgen, dass dauernd ein sinnvoller und
anspruchsvoller Lernprozess im Gang bleibt.
(4) Die Lehrperson muss immer wieder Vorgaben aller
Art machen (Ziele setzen), damit die Lernenden ihre Leistungen und ihren
Lernfortschritt an den gestellten Aufgaben messen können.
(5) Die Lehrperson muss das Lemen möglichst stressfrei machen, d. h. die Lernenden sollen ihre Interventionen und ihre Hilfe möglichst unterstützend und entlastend empfinden.
(6) Die Lehrperson muss als Modell wirken, damit die Lernenden versuchen, im Sinne des von ihr demonstrierten Verhaltens und Denkens aktiv zu werden.
Rolf Dubs: Lehrerverhalten, S. 135-140
|
Zweck
des Scaffoldings |
Umschreibung |
Verbales
Lehrerverhalten (und verbales Schülerinnenverhalten) |
Beispiele |
|
Zielsetzung |
Erkennen
von Problemen und der Absicht in einem Unterrichtsabschnitt |
Fragen,
Hinweise, Denkanstösse, Tips |
-
Wo liegen die Probleme in diesem Beispiel? - Bedenkt die Unterschiede in den
beiden Situationen |
|
Aktivierung
von Erfahrungen und Vorwissen |
Herstellen
des Bezugs zwischen dem Neuen und dem Bekannten; Hinweis auf bekannte Denk-
und Lernstrategien |
Fragen,
Hinweise, Tips |
-
Sucht nach Kriterien, die Ihr von früher kennt! -Welcher bekannte Zusammenhang
wird hier wieder sichtbar? |
|
Aufmerksamkeit
auf einen bestimmten Punkt lenken (etwas bewusst machen) |
Hilfeleistung,
indem die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt gezogen wird |
Fragen,
Hinweise, Denkanstösse, Tips |
-Was
ergäbe sich, wenn wir das Problem aus historischer Sicht betrachten würden?
-Wo liegt der Widerspruch in dieser Aussage? |
|
Anleiten
des kognitiven Prozesses |
Weiterführung
der Gedankenfolge (im Denkfeld der Lehrkraft) |
Fragen,
Hinweise, Denkanstösse, Tipps, Lautes
Denken, Modellieren |
-
Warum ergab sich dieser Schluss? -Wie wäre es, wenn...? - Überlegt die
Konsequenzen. |
|
Formale
Erklärung der eigenen Denk- und Lernstrategien (metakognitiver Aspekt) |
Nachdenken
über und Erklären der eigenen Vorgehens- und/oder Denkweisen zum Autbau der
eigenen Denk- und Lernstrategien |
Aufforderungen
zur Erklärung und Zusammenfassung |
-Erklärt,
wie ihr vorgegangen seid. -Welche Denkschritte habt ihr vollzogen? |
|
Angeleitete
Übung |
Übung
zur Vertiefung des Verstehens |
Neue
Problemstellungen, Hinweise, Fragen |
-
Entwerft dazu ein eigenes Beispiel. -Wie sähe es aus, wenn diese Bedingung
verändert würde? |
|
Anleitung
zur Selbst-evaluation |
Eigenbeurteilung
von Erkenntnissen |
Fragen,
Hinweise, Tips |
-Schätzt
ab, ob diese Lösung richtig sein kann. -Ist dies wirklich eine sinnvolle
Lösung? |
Tabelle 4.1: Zweck
des Scaffoldings

Rolf Dubs, Lehrerverhalten, S. 143