Weiße Rose, Widerstandsgruppe (1942/43) an der Univ. München,
u.a. die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die Medizinstudenten Willi
Graf (* 1918), Christoph Probst (* 1919), Alexander Schmorell (* 1916
oder 1917) sowie der Musikwissenschaftler Kurt Huber (* 1893). Die Gruppe
rief v.a. mit Flugblättern unter dem Titel "Die Weiße Rose"
zum Widerstand gegen das NS-Regime auf; die genannten Mitglieder wurden
im Febr./März 1943 verhaftet und hingerichtet.
(entnommen aus: Meyers Lexikon)
Die Geschichte der Weißen
Rose
Copyright by: Geschwister-Scholl-Gymnasium Münster
(http://www.uni-muenster.de/GymGS/Scholl/w_rose.htm)
Die Weiße Rose in München und Hamburg ist die bekannteste
Widerstandsgruppe junger Deutscher im Dritten Reich. Ihr Kern bestand aus
den 21- bis 25jährigen Studenten Hans und Sophie Scholl, Alexander
Schmorell, Willi Graf und Christoph Probst.
Im Juni 1942 handelten Alexander Schmorell und Hans Scholl. Sie verfaßten
die vier Flugblätter der Weißen Rose, die zum passiven Widerstand
gegen den Krieg und gegen die geistige Unterdrückung durch die
Nationalsozialisten aufforderten. Die Texte waren alle auf hohem Sprachniveau
abgefaßt und appellierten an christliche Wertvorstellungen. Apokalyptische
Textpassagen aus der Bibel waren in fast einschüchternder Weise in
die Flugblattexte eingeflossen. Dieser auffallende und ungewöhnliche
Stil der ersten vier Flugblätter spiegelte die Interessen wider, die
den
Freundeskreis um die Gruppe der Weißen Rose zusammenhielten und
charakterisierten. Die Flugblätter tauchten in der Zeit vom 27. Juni
bis 12. Juli 1942 in München in Briefkästen einer ausgewählten
intellektuellen Oberschicht auf...
In Zusammenarbeit mit Professor Kurt Huber, dessen regimekritische Einstellung
die Studenten von seinen Vorlesungen her kannten, entstanden
dann im Januar und Februar 1943 ein Aufruf an alle Deutschen und ihr
letztes und bekanntestes Flugblatt:
| Kommilitoninnen! Kommilitonen!
Erschüttert
steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend
deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten
sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer wir
danken dir.
Es gärt
im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilletanten das Schicksal unserer
Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique
den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung
ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigen
Tyrannis, die unser Volk erduldet hat.
Im Namen des ganzen deutschen Volkes fordern wir vom Staat Adolf Hitlers
die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen
zurück , um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen.
In einem Staat rücksichtslose Knebelung jeder freien Meinungsäußerung
sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren
unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht...
Der deutsche
Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend
endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger
zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet.
Studentinnen! Studenten!
Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung
des Napoleonischen, 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors
aus der Macht des Geistes.
Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad
beschwören uns!
Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!
Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus,
im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre. |
Die letzten beiden Flugblätter unterscheiden sich stilistisch und
im Inhalt deutlich von den schöngeistigen und literarischen ersten
vier Botschaften.
Die Flugblätter sind eindeutig politischer, ihre Sprache ist klarer,
sie sprechen alle Bevölkerungsschichten, die Studenten aller Fakultäten
an.
Konkrete Pläne zum Nachkriegs-Deutschland werden vorgestellt.
Nachdem die Niederlage der 6. Armee in Stalingrad durch die Sondermeldung
vom 3. Februar 1943 bekannt wurde, haben Willi Graf, Alexander
Schmorell und Hans Scholl nachts Wandparolen wie "Nieder mit Hitler"
und "Freiheit" an die Universitätsgebäude und Hauswände
des
Universitätsviertels mit Teerfarbe angebracht.
Beim Verteilen des letzten Flugblatts im Treppenhaus des Hauptgebäudes
der Münchener Universität wurden Hans und Sophie Scholl am 18.Februar
1943 entdeckt und festgehalten, der Gestapo denunziert und zusammen
mit Christoph Probst schon am 22. Februar in einem Prozeß vor dem
Volksgerichtshof angeklagt. Die Verhandlung führte der berüchtigte
Roland Freisler. Die Geschwister Scholl und Christoph Probst wurden nach
dreieinhalb Stunden zum Tode verurteilt und noch am selben Nachmittag
hingerichtet. Zwei Tage vor ihrer Verhaftung durch die Gestapo hatte
Sophie einem Bekannten gegenüber noch gesagt: "Es fallen so viele
Menschen für dieses Regime, es wird Zeit, daß einer dagegen
fällt." Weitere
Prozesse und Todesurteile folgten. Am 19. April 1943 wurden Willi Graf,
Alexander Schmorell und Kurt Huber zum Tode verurteilt. Schmorell und
Huber wurden am 13. Juli 1943 hingerichtet, Graf am 13. Oktober. Im
Herbst 1943 verhaftete die Gestapo auch die Mitglieder einer Hamburger
Gruppe, die über Hans Leipelt Verbindung nach München hatte
und ebenfalls Flugblätter der Weißen Rose und weitere Schriften
verbreitet hatte.
In den Aktionen der Weißen Rose kamen noch einmal die bildungsbürgerlichen
und christlichen Traditionen des deutschen Idealismus zum öffentlichen
Ausdruck von moralischer Betroffenheit, grundsätzlicher Kritik
am NS-Regime und zu politischer Wirksamkeit, nachdem so viele ihrer Vertreter
1933
vor dem Nationalsozialismus verstummt waren oder sich sogar zu seiner
Unterstützung bereitgefunden hatten.
Die Lebensläufe der Münchener Studenten zeigen daher sowohl
die Gemeinsamkeiten ihrer sozialen Herkunft als auch die Vielfalt ihrer
Jugenderfahrungen. Sie können als Beispiel für viele Bildungsgeschichten
bürgerlicher Jugendlicher ihrer Generation stehen, die ähnlich
dachten und
fühlten, ohne allerdings die Konsequenz widerständigen Handelns
zu ziehen. Alexander Schmorell hatte schon von seinem Elternhaus her eine
tiefe
Verbundenheit zur russischen Kultur gewonnen, die ihn die nationalsozialistischen
"Untermenschen" -Ideologie hassen lehrte. Seine
Freiheitssehnsucht führte ihn in bündische Gruppen, in denen
er sich dem Drill der HJ entzogen fühlen konnte.
Christoph Probst konnte sich mit Hilfe seiner Eltern (seine Stiefmutter
war Jüdin) dem schulischen Konformitätsdruck im Dritten Reich
durch den
Wechsel in ein Internat am Ammersee entziehen. Willi Graf entstammte
dem rheinischen katholischen Milieu und schloß sich eng dem katholischen
Bund "Neudeutschland" an. 1936 trat er dann dem religiös-männerbündischen
Grauen Orden bei, weswegen er im folgenden Jahr auch zum ersten
Mal verhaftet wurde. Auch Hans Scholl geriet 1937 wegen seiner Zugehörigkeit
zur verbotenen bündischen Organisation Deutsche Jungenschaft vom
1.11. zeitweise in Haft. er hatte allerdings einige Jahre zuvor aus
der evangelischen Jugendbewegung zur HJ gewechselt, die ihm die Verwirklichung
seiner jugendlich-idealistischen Vorstellungen und die Lösung
vom väterlichen Einfluß zu versprechen schien. Diese Illusionen
verflogen schnell in der
Erfahrung des täglichen Kadavergehorsams und Drills bei der HJ.
Auch Sophie Scholl hatte der HJ angehört, sich aber frühzeitig
vom Frauentyp des
Bundes Deutscher Mädel emanzipiert. Ihre Abkehr von der regimekonformen
Rollenzuweisung verband sich mit weitgehender politischer Kritik. Sie
hatte, und darin steht sie für ihre ganze Gruppe, nichts übrig
für Leute, die sich nur darum sorgen, heil aus dem Krieg herauszukommen.
Über Deutschland hinaus wurden die mutigen Taten der Weißen
Rose noch während des Krieges bekannt. Thomas Mann würdigte sie
in seiner
Rundfunkansprache vom 27. Juni 1943 in der BBC. Das letzte Flugblatt
der Weißen Rose wurde in England nachgedruck und von britischen
Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.
Längst stehen die Geschwister Scholl auf ihrem Denkmal, sind selber
eines, spätestens, seit Golo Mann über sie befand: Hätte
es im deutschen
Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde,
so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen
zu retten,
welcher die deutsche Sprache spricht. Längst also gibt es Gedenktafeln,
Gedenkstraßen und - plätze, Gedenkfeiern, über zweihundert
Gedenkschulen (davon ca. fünfzig in den neuen Bundesländern)
und seit 1980 einen Gedenkpreis.
Der Historiker Wilfried Breyvogel, der die Rezeptionsgeschichte der
Weißen Rose untersucht hat, resümiert in diesem Zusammenhang:
Im öffentlichen
Bild gilt es, die Wahrnehmung der Gruppe weiter zu dezentralisieren.
Gelungen wäre dies, wenn es neben den vielen Geschwister-Scholl-Schulen
auch eine Alexander-Schmorell-Schule oder - auf die ganze Gruppe bezogen
mehr Weiße Rose Schulen geben würde.
Wie soll man ihrer Geschichte gedenken, ohne ins Schwärmen, ins
bloße Nachtrauern, ins stümperhafte Nacherzählen abzugleiten?
Die Scholls
wollten ja gerade keine Helden, keine Märtyrer sein, sie wollten
den Strahlenkranz nicht, die feierliche Pose, den festlichen Glanz. Dem
Verhörbeamten Robert Mohr, der sie zu einer geschickten Ausrede
anstiften und sie vor dem Beil retten wollte, hatte Sophie kurz und bündig
zur
Antwort gegeben: "Sie täuschen sich, ich würde alles genau
noch einmal so machen, denn nicht ich, sondern Sie haben die falsche
Weltanschauung."
Sie, ihr Bruder, ihre Freunde, die hingerichtet wurden, weinten nicht,
schrien nicht, klagten nicht, als sie zum Henker gehen mußten. Wie
nur die
stille Tapferkeit wiedergeben und bewahren, mit der sie revoltierten
und mit der sie dann auch starben?
Für die Scholls ehrlichen Herzens, aufrechten Denkens zu schwärmen
- wie leicht ist das, wie verführerisch leicht. So wie sie einzustehen,
wenn es
notwendig ist - wie schwer wäre das wieder, wie schwer wäre
es noch immer, "dagegen zu fallen"?
Rudolf Diekmann
Literaturverzeichnis
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Hanser, Richard:
Deuschland zuliebe. Leben und Sterben der Geschwister Scholl, München
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Jens, Inge:
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über die Weiße Rose . Wehrt Euch, in:Wiesbadenrer Literaturtage,
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Jeder einzelne trägt die ganze Verantwortung . Widerstand am Beispiel
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h. Pehle, Frankfurt a. M. 1994
Müller, Franz-Josef:
Die Weiße Rose , in Hübner, Irene, Unser Widerstand. Deutsche
Frauen und Männer berichten über ihren Kampf gegen die Nazis,
Frankfurt a. M. 1982, S. 104-113
Scholl, Inge:
Die Weiße Rose, erw. Neuausgabe 1994
School, Hans / Scholl, Sophie:
Briefe und Aufzeichnungen, hrsg. v. Inge Jens, Frankfurt a. M. 1994
Siefken, Heinrich(Hrsg.):
Die Weiße Rose . Student Resistance to National Socialism 1942/43.
Forschungsergebnisse und Erfahrungsbrichte, Nottingham 1991
Steffahn, Harald:
Die Weiße Rose, Reinbek 1993, 3.Aufl.
Vinke, Hermann:
Das kurze Leben der Sophie Scholl. Ravensburg 1994
Die Weiße Rose
Der Widerstand von Studenten gegen Hitler. München 1942/43, hrsg.
v. d. Weiße Rose Stiftung e. V., München 1994
Die Weiße Rose und das Erbe des deutschen Widerstandes. Münchener
Gedächtnisvorlesungen. München 1993
Reproduktionen der Flugblätter, die von der Weißen Rose verfaßt
wurden, sind bei der Weiße Rose Stiftung e. V., Genter Str. 13, 80805
München, erhältlich.
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