Paul Grüninger - ein Fall von Menschlichkeit:

Paul Grüninger

(Foto mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus dem Buch Stefan Keller, Grüningers Fall, Zürich 1993)

Paul Ernst Grüninger kam im Oktober 1891 als zweites von vier Kindern des katholischen Tapeziermeisters Oskar Grüninger und seiner protestantischen Frau Maria, geborene Forrer, in St. Gallen zur Welt. Er wurde protestantisch erzogen. Die Eltern übernahmen später einen Zigarrenladen in der Innenstadt; der Vater sei leutselig und freundlich gewesen, die Mutter eine tüchtige Geschäftsfrau, sagen ihre Verwandten. Sohn Paul besuchte ab 1907 das Lehrerseminar in Rorschach und beendete es 1911. 1912 wurde er Leutnant. 1919 bewarb Grüninger sich um eine Stelle als Polizeileutnant und bekam sie dann auch. 1925 stieg er zum Kommandanten auf.

Der Hauptmann Paul Grüninger war Kommandant der St. Galler Kantonspolizei. Er wurde am Montag, den 03. April 1939 suspendiert. Was gegen ihn vorlag, hat man keinem richtig erklärt. Es wurde nur gemunkelt, daß er versucht haben soll, bei den jüdischen Flüchtlingen hier und da etwas für sich persönlich herauszuholen.

Da sich die Geschichte Paul Grüningers in der Gegend abgespielt hat, in der das Gymnasium Dornbirn liegt, mit dem zusammen wir im Projekt "Bridges" arbeiten, hier der Kartenausschnitt, auf dem man das österreichisch-schweizerische Grenzgebiet sieht, in dem die geschilderten Ereignisse sich in den dreißiger Jahren abgespielt haben. Von Dornbirn sind es nur wenige Kilometer bis Hohenems, von wo aus damals die Juden über die Grenze bis nach Diepoldsau - und manchmal nach St. Gallen - in die Schweiz zu entkommen versuchten.

Was aber hat Paul Grüninger wirklich getan?

Der spätere Bundespolizeikommissar Emil Rüthemann erzählt, daß Grüninger ein anständiger Vorgesetzter, sehr wohlwollend, umgänglich und korrekt gewesen sein soll. Der ehemalige Landjäger Fritz Krucker hingegen sagt: Ständig Frauen und Fußball im Kopf des Kommandanten, aber nie genug Zeit für das Korps. Nach den Akten zu schließen wurde Paul Grüninger wegen Urkundenfälschung und Amtspflichtverletzung suspendiert. Nach Ansicht der Behörden hatte er seinen Chef hintergangen und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartment zu täuschen versucht. Er hatte unrichtige Dokumente angefertigt und falsche Auskünfte gegeben. Als der Untersuchungsrichter seine Ermittlungen weiter zog, kamen bald noch zusätzliche Vergehen ans Licht. Es gilt als sicher, daß Paul Grüninger im Jahr vor seiner Absetzung mehrere hundert, vielleicht einige tausend Menschen gerettet hat.

Nach und nach kamen immer mehr Flüchtlinge, eines der großen grenzpolizeilichen Probleme in der Zeit vor dem deutschen Einmarsch, erzählte Dr. Julius Längle, 1936- 1938 Polizeireferent bei der Bezirkshauptmannschaft Bregenz in Vorarlberg, Anhänger der austrofaschistischen Schuschnigg-Diktatur, die im März 1938 zerschlagen wurde - eines der Probleme, weshalb er in den Jahren vor dem Anschluß Österreichs an Deutschland gelegentlich mit Polizeihauptmann Grüninger aus St. Gallen konferierte, sowie mit dem Chef der deutschen Gestapo im bayrischen Lindau, sei die heimliche Durchreise von Spanienkämpfern gewesen, die in allen drei Ländern verboten war. Durch Vorarlberg seien wichtige Verbindungslinien nach Spanien gegangen. Illegaler Menschenschmuggel sei das gewesen, noch lange bevor die Juden kamen, und bei gemeinsamen Sitzungen mit seinem alten Freund Grüninger, einem tüchtigen Polizeioffizier, sowie mit Joseph Schreieder von der Gestapo, einem ausgezeichneten Kriminalbeamten, habe man jeweils die neusten polizeilichen Erkenntnisse über diese Verbindungslinien ausgetauscht.

Politische Diskussionen habe es bei solchen Zusammenkünften nicht gegeben, es seien rein dienstliche Sitzungen gewesen. Auch Joseph Schreieder von der Gestapo habe nie eine politische Bemerkung gemacht, keine Gehässigkeiten oder so, man sei freundschaftlich miteinander umgegangen.

Man hat die Geschichte des gestürzten Polizeikommandanten gelegentlich nach Zeichen abgesucht, nach persönlichen Bruchstellen oder Widersprüchen, die seine unerhörten Taten vielleicht hätten vorausahnen lassen. Man konnte jedoch fast nichts Derartiges finden. Bis zum Sommer 1938, so scheint es, und noch einige Zeit darüber hinaus, galt Grüninger als ziemlich normaler, pflichtbewußter Beamter. Gerüchteweise ist zwar immer wieder von früheren disziplinarischen Skandalen die Rede, doch in den Akten tauchen alle Beanstandungen erst während des letzen Amtsjahres auf. Auch die tiefgreifenden "Charakterdefizite im Sinne fehlender Hemmungen", welche der Untersuchungsrichter kurz nach der Absetzung diagnostizierte, oder die angeblichen geistigen Störungen, von denen der Polizeivorstand Valentin Keel den Regierungsratskollegen plötzlich erzählte, sind in Grüningers Biographie vorher nie festgestellt worden.

Im August 1938 verfügt das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartment EJPD die Grenzsperre für Österreicher ohne Visum. Damit sollte verhindert werden, daß die Juden, die aus dem Großdeutschen Reich vor den Nazis zu fliehen versuchten, in die Schweiz kamen. So sah die Grenze für die Flüchtlinge aus:

(Foto mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus dem Buch Stefan Keller, Grüningers Fall, Zürich 1993)

Der Hauptmann Paul Grüninger tolerierte verbotene Grenzübertritte der Juden und verhinderte Abschiebungen nach Deutschland. Gleich in den ersten Tagen der Grenzsperre begann er einzelne Einreisen persönlich in die Wege zu leiten, zuerst mit erlaubten Methoden. Er verschob Einreisedaten und Einreiseorte. Somit konnten einige Menschen trotz des Verbotes in die Schweiz einreisen. Der Hauptmann Paul Grüninger verfaßte nicht nur Bittbriefe und ließ nicht bloß Daten fälschen. Marguerite Deyfuss aus St. Gallen z. B. berichtete, daß ihr verstorbener Mann sich bei Grüninger einmal nach Einreisemöglichkeiten für seine deutsche Verwandtschaft erkundigt habe, und da habe ihm der Hauptmann ein Schriftstück ausgehändigt, mit dem die Verwandten ohne Schwierigkeiten über die Grenze gelangten.

Nach der Reichsprogromnacht (früher Reichskristallnacht) wollten immer mehr jüdische Flüchtlinge in die Schweiz einreisen und das Central Comité des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes berief eine Krisensitzung ein.

Als einige Zeit später Karl Zweifel und Alfred Schlachter in Vorarlberg verhaftet werden und Zweifel dann zusammen mit Christian Dutler ins Bezirksgefängnis Buchs gesperrt werden, wird Grüninger schwer belastet. Die Verhaftung erfolgte, als die beiden versuchten, jemanden illegal über die Grenze in die Schweiz zu holen.

Am 26. Januar 1939 legte Paul Grüninger in St. Gallen seinem Polizeivorstand Valentin Keel die Flüchtlingszahlen der letzten fünf Monate vor. Diese Zahlen, schrieb Grüninger an Keel, seien von der Israelitischen Flüchtlingshilfe "bereinigt" worden. Folglich lebten 858 jüdische Emigranten in St. Gallen; 262 waren erst nach der Grenzsperre im August 1938 eingetroffen. Ihre Aufnahme rechtfertigte der Hauptmann mit dem "prinzipiellen Einverständnis" des Regierungsrates. Doch die Zahlen die er vorlegte waren nicht nur "bereinigt", sie waren manipuliert. Grüninger vertrat später die Auffassung, er habe sie auch im Interesse des Regierungsrates fälschen lassen.

Mitte Februar begann Gustav Studer die Untersuchung gegen Grüninger. Etwa gleichzeitig übernahm Studer die kantonale Fremdenpolizei.

Am 13. März 1939 meldete Dr. Gustav Studer seinem Departmentschef Keel ein konkretes Ergebnis der im Februar aufgenommenen Untersuchung:

"Um die einzelnen Gesuche der Emigranten richtig abklären und den wünschen der eidg. Polizeiabteilung entsprechen zu können, sehen wir uns veranlaßt, eine große Zahl der Emigranten bezüglich ihrer Einreise befragen zu lassen. Einer der befragten Emigranten ist u.a. auch (...) Werner, Karl Adolf (...), welcher bezüglich seine Einreise gegenüber Herrn Polizeihauptmann Grüninger sehr belastende Aussagen gemacht hat. Ich habe den Fall noch nicht allseits überprüft, insbesondere ist das Polizeikommando bis jetzt nicht angehört worden. Fest steht jedoch jetzt schon, daß das von der Flüchtlingshilfe für Werner gemeldete Einreisedatum nicht stimmt und der Genannte nie im Flüchtlingslager Diepoldsau untergebracht war. Ich halte es für meine amtliche und Gewissenspflicht, Ihnen diesen Fall sofort zu unterbreiten."

(Ein Bild aus dem Flüchlingslager Diepoldsau)Lager

(Foto mit freundlicher Genehmigung des Verlages aus dem Buch Stefan Keller, Grüningers Fall, Zürich 1993)

Noch am selben Nachmittag suchte Valentin Keel und Gustav Studer den Leiter der Israelitischen Flüchtlingshilfe Sidney Dreifuß in seiner Wohnung auf. Keel und Studer informierten ihn über die Aussagen des Emigranten Karl Adolf Werner , und "auf Befragen" gestand Sidney Dreifuß, "daß bezüglich der Ausfüllung" der Fragebogen "nicht immer ganz korrekt vorgegangen worden sei".

Dreifuß gab zu, daß bestimmte Fragebogen schon gleich bei der Einreise mit falschen Daten versehen worden waren und daß er im Januar noch einmal "ca.50 Gesuchtfomulare" hatte zurückdatieren lassen. Gemäß den Notizen von Dr. Studer versicherte der Leiter der Flüchtlingshilfe, er habe "nur mit Bedenken diese Anordnung getroffen" - der Polizeihauptmann habe ihn darum ersucht.

Paul Grüninger habe zu den Flüchtlingen "einfach nicht nein sagen" können. Im übrigen sei dem Hauptmann "vielleicht die Sache etwas über den Kopf gewachsen", sagte Dreifuß. Valentin Keel teilt die Entdeckung unverzüglich zwei Regierungsratskollegen mit. Sidney Dreifuß stellte sich, "wenn auch nicht gerne", für weitere Auskünfte zur Verfügung.

Am 31. März 1939 beschließt der Regierungsrat die Suspendierung von Paul Grüninger und leitet ein Strafverfahren gegen ihn ein.

Am 12. Mai beschließt der Regierungsrat die fristlose Entlassung von Grüninger.

Im Oktober 1940 beginnt die öffentliche Verhandlung des Bezirksgericht St. Gallen gegen Paul Grüninger, und im März 1941 wurde Grüninger das schriftliche Urteil zugestellt und er legte keine Berufung ein.

Am Anfang hatte ich die Frage gestellt, was Paul Grüninger eigentlich getan hatte. Diese Frage ist jetzt beantwortet: Er hat Einreisedokumente gefälscht, damit Juden aus Österreich in die Schweiz flüchten konnten. Offiziell hat man ihm aber nicht dies vorgeworfen, sondern ganz andere Dinge (wie z.B. falsche Spesenabrechnungen). Es hat nach dem Zweiten Weltkrieg viele Vorstöße gegeben, um Paul Grüninger zu rehabilitieren - 1997 war es endlich soweit: Die Schweizer Behörden erklärten, daß ihm seinerzeit mit der Entfernung aus dem Dienst Unrecht getan worden sei.

Im Februar 1972 war Grüninger mit achtzig Jahren gestorben.

In Washington und Los Angeles steht Grüningers Name heute auf würdevollen Ehrentafeln. Das haben ehemalige Flüchtlinge veranlaßt, die ihm während ihrer harten Zeit in der Schweiz noch gelegentlich begegneten.

Wie viele Menschen er wirklich gerettet hat, war für Dr. Studer so wenig feststellbar wie für mich.

Judith Käse, Klasse 10d

Quelle:

Grüningers Fall

Von Stefan Keller

Ein Buch der Wochenzeitung (WoZ) im Rotpunktverlag Zürich

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