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Konfrontationsmethoden
des KoBeSu Modells
(Text zitiert aus:
Jörg Schlee "Veränderung Subjektiver Theorien durch
Kollegiale Beratung und Supervision (KoBeSu)" S.
161 ff in:
Jörg
Schlee und Wolfgang Mutzeck (Hrsg.)
Kollegiale Supervision - Modelle zur Selbsthilfe für
Lehrerinnen und Lehrer
Heidelberg 1996)
"Die
zweite Hauptphase: "Skepsis und Konfrontation"
In dieser Phase geht es darum, den Ratsuchenden mit unterschiedlichen
Fragestellungen und Sichtweisen zu konfrontieren, um ihm die
Veränderung seiner Subjektiven Theorien zu
ermöglichen. Hierzu stehen mehr als 30 Möglichkeiten
zur Verfügung. Jede dieser Konfrontationen wird in einer
spezifischen Unterphase durchgeführt.
(...)
a) Auftauchende Bilder und Assoziationen
Eine besonders sanfte Konfrontation ergibt sich, wenn alle
Gruppenmitglieder der Reihe nach ihre Bilder und Assoziationen
beschreiben, die ihnen beim
Zuhören in der ersten Hauptphase gekommen sind. Das
könnten beispielsweise
Kindheitserinnerungen, Gedanken an eine Filmszene, Romantitel,
Allegorien,
Phantasiegeschichten, Kunstwerke oder ähnliches sein. Die
Teilnehmer
benutzen hierzu den Sprechstein und die Äußerungen
werden nicht
diskutiert. Auch der Ratsuchende hat sich diese Bilder und
Assoziationen
nur anzuhören. Sie können ihn anregen, sich und seine
Situation
aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. (Anders als in
Balintgruppen
wird mit diesem Material nicht - deutend - weitergearbeitet.)
b) Relativierungen durchdenken
In dieser Unterphase stellen die Gruppenmitglieder unter Zuhilfenahme
des Sprechsteins dem Ratsuchenden der Reihe nach dieselbe Frage,
nämlich
"Was wäre schlimmer (als das, was Du uns berichtet hast)?"
Auf jede Antwort der Ratsuchenden geben die Gruppenmitglieder
verständnisvolle Resonanz. Es ist wichtig, daß
dieselbe Frage
im Wortlaut immer wieder gestellt wird. - Auch hier darf zum
Abschluß
der Unterphase keine Bilanz gezogen werden, etwa in dem Sinne "Na ja,
verglichen
mit dem, was sonst noch so alles passieren könnte, geht es Dir
ja noch
recht gut. Also: Kopf hoch, es wird schon werden!" D.h., wie bei allen
anderen
Unterphasen sollen die Ratsuchenden keine "Erfolgsmeldungen" bringen
müssen.
c) Die eigenen Anteile klären
In dieser Unterphase wird wiederum unter Benutzung des Sprechsteins die
ratsuchende Person von allen Gruppenmitgliedern der Reihe nach gefragt
"Was hat das (was Du uns erzählt hast) mit Dir zu tun?"
Auf jede Antwort des Ratsuchenden haben die Gruppenmitglieder
mit verständnisvoller Resonanz zu reagieren.
d) Den Anteil von Handeln und Erdulden klären
In dieser Unterphase fragen die Gruppenmitglieder den Ratsuchenden
wiederum der Reihe nach
"Wo bist Du in dieser Angelegenheit (die Du uns erzählt hast)
das Opfer und wo bist Du der Akteur?"
e) Die eigenen Prioritäten erspüren
In dieser Unterphase fragen die Gruppenmitglieder den Ratsuchenden
"Was läßt Dich trotz allem weitermachen?"
Alles andere gilt wie bei den bereits beschriebenen Unterphasen.
f) Ambivalenzen nachspüren
Diese Unterphase wird von der Chairperson mit der Erläuterung
eingeleitet, dass Probleme und Schwierigkeiten in der Regel nie
völlig eindeutig seien, sondern oft ganz unterschiedliche
Facetten enthalten können. Danach fragen die Gruppenmitglieder
den Ratsuchenden in der bekannten Prozedur:
"Was von dem Problem (das Du uns erzählt hast)
möchtest Du loslassen und was möchtest Du davon
behalten?"
g) Innen- und Außen Steuerung bemerken
Diese Unterphase wird von der Chairperson mit der Bemerkung
eingeleitet, daß es in unserem Leben wichtige Bezugspersonen
geben kann. Manchmal können sie für uns und unser
Handeln sogar auch dann noch eine
Rolle spielen, wenn sie gar nicht anwesend sind oder vielleicht sogar
nicht
einmal mehr am Leben sind. Nach dieser Erläuterung fragen die
Gruppenmitglieder in der bekannten Prozedur?
"Wo könnten für Dich in Deinem Problem (das Du uns
geschildert hast) andere Personen eine Rolle spielen und wer
könnte das eventuell sein?"
Hierbei muß die Vorsichtigkeit der Anfrage durch den
Konjunktiv und das Wörtchen "eventuell" unbedingt eingehalten
werden. Alles andere erfolgt wie in den bereits beschriebenen
Unterphasen.
h) Paradoxe Empfehlungen geben
In dieser Unterphase behält die Chairperson die Fäden
in der Hand. Sie spricht die anderen Gruppenmitglieder unter
Namensnennung der Reihe nach mit der Frage an: "Was sollte Deiner
Ansicht nach ... (Namen des Ratsuchenden) tun, damit sich sein
geschildertes Problem verschlimmert und weiter zuspitzt?" Und nun
sollen die Gruppenmitglieder sogenannte paradoxe Empfehlungen
aussprechen. Dabei können/ sollen auch Deftigkeiten und
Übertreibungen genannt werden. Diese Unterphase provoziert in
aller Regel
das Gelächter aller Beteiligten, weshalb sie keineswegs nur
einen Albernheitseffekt
zu haben braucht. In ihr können auch "schlechte"
Gefühle und Motive
angesprochen werden, was für den Ratsuchenden entlastend und
befreiend
wirken kann. In dieser Unterphase braucht nicht alles so "streng" zu
verlaufen.
Es wäre kein grober Verstoß gegen den Geist des
Modells, wenn
in ihr die Gruppenmitglieder sich auch einmal gegenseitig unterbrechen
und
in ihren "gut gemeinten" Ratschlägen noch überbieten.
i) Die sechs Fragen stellen
In dieser Unterphase können/sollen dem Ratsuchenden folgende 6
Fragen gestellt werden: "Was fühlst Du? Was willst Du? Was
tust Du? Was vermeidest Du? Was erwartest Du? Was befürchtest
Du?"
Jedes Gruppenmitglied stellt immer nur eine Frage. Es ist in der
Auswahl der Frage völlig frei. Dadurch ergeben sich bei den
Fragen insgesamt unterschiedliche Folgen und Häufungen. Die
Bezugspunkte für die Fragen bzw. die Antworten wählt
sich der Ratsuchenden selbst aus. Diese sechs Fragen können
den Ratsuchenden sehr stark mit eigenen Unklarheiten konfrontieren. Sie
können ihn treiben - um in einem Bild zu sprechen - wie sechs
Hunde einen Hasen hetzen. Daher muß die Chairperson vor
Beginn der Fragen den Ratsuchenden nochmals an die
Störungskarte erinnern. Diese ist sofort umzudrehen, wenn die
psychische Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist. Ferner
bittet die Chairperson die anderen Gruppenmitglieder darum,
in dieser Runde das Tempo durch kleine Pausen zwischen den Fragen etwas
zu verlangsamen. Alles andere verläuft in dem bereits
beschriebenen
Ritual. Doch soll gerade bei dieser Phase nochmals die Wichtigkeit der
anteilnehmenden
Resonanz auf die Antworten hervorgehoben werden.
j) Voraussetzungen klären
In dieser Unterphase sollen die äußeren
Rahmenbedingungen des Problem "abgeklopft" werden. Das geschieht
dadurch, daß die Gruppenmitglieder den Ratsuchenden fragen:
"Was wäre (in Deinem Problem), wenn ... ?"
In dem Wenn-Satz sind nun Alternativen zu den bisherigen Gegebenheiten
zu formulieren.
Beispielsweise: - Wenn Dein Kontrahent ein Mädchen
wäre? - Wenn Du drei solcher Schüler in Deiner Klasse
hättest? - Wenn Du ein geringeres Stundendeputat zu
bewältigen hättest? - Wenn Dein
Klassenraum die doppelte Größe hätte? Wenn
Dein Schulleiter im Stadtrat säße? Wenn Deine
Wohnung nicht im Schulbezirk läge? Wenn der Schulrat ein
zynischer Menschenverächter wäre? Wenn Dein
Stundenplan anders gesteckt wäre? Wenn Deine eigenen Kinder
älter wären? Wenn Du den Unterricht in einem anderen
Fach erteilen müßtest? Usw.
Es soll also nach äußeren Gegebenheiten und nicht
nach Handlungen der ratsuchenden Person (i.S. "Hast Du schon mal ...
probiert?") gefragt werden.
k) Den heimlichen Gewinn klären
Diese Unterphase wird durch eine Erläuterung der Chairperson
eingeleitet, die sinngemäß besagt, daß
Probleme, Schwierigkeiten oder Konflikte in ihrer Bedeutsamkeit
für die Menschen nicht eindeutig sein müssen, sondern
daß sie manches Mal durchaus unterschiedliche Wertaspekte
enthalten können. Wenn hier nach dem Gewinn gefragt werde,
dann etwa im Sinne von "Krankheitsgewinn". Danach sprechen die
Gruppenteilnehmer in der gewohnten Art den Ratsuchenden mit Namen an
und fragen: "Worin könnte in dem Problem (von dem Du uns
)berichtet hast) für Dich ein heimlicher Gewinn liegen?" Auch
hier ist es wichtig, die vorsichtige Formulierung durch den Gebrauch
des Konjunktivs zu unterstreichen und auf alle Antworten des
Ratsuchenden eine verständnisvolle Resonanz zu geben.
l) Sichtweise des Kontrahenten ansprechen
Auch in dieser Unterphase geht der Sprechstein in der gewohnten Weise
von Person zu Person. Doch sollen nun keine Fragen gestellt werden,
sondern es sind die vermutliche Sichtweise und Bewertung des
Kontrahenten des Ratsuchenden zu formulieren. Dabei ist darauf zu
achten, daß diese in wörtlicher Rede und im
Indikativ Präsens formuliert werden.
Selbstverständlich
ist diese Unterphase nur dann angemessen, wenn an der Problematik
andere
Personen als mögliche Kontrahenten beteiligt sind. Die
Ratgeber brauchen
sich nicht auf einen Kontrahenten zu einigen. Das bedeutet,
daß unter
Umständen die Sichtweisen von mehreren Personen zur Sprache
kommen können.
Wichtig ist allein, daß nicht über die Kontrahenten,
sondern direkt
aus ihrer (vermuteten) Perspektive gesprochen wird.
m) Ressourcen klären
In dieser Unterphase fragen die Gruppenmitglieder der Reihe nach den
Ratsuchenden: "Wo hast Du für dieses Problem Deine Ressourcen
und welche müßtest Du eventuell noch erwerben?"
Nach diesen Beispielen mag sich für Sie das prinzipielle
Vorgehen klären. Vielleicht bekommen Sie den Eindruck, als ob
die konfrontierenden Fragen rein schematisch und lieblos abgespult
würden. Die ritualisierte Form der Unterphasen scheint
für persönliche Töne gar keinen Spielraum
mehr zu lassen. Jedoch ist im Endeffekt das Gegenteil der Fall:
Aufbauend auf der Atmosphäre der Sicherheit und des Vertrauens
aus der ersten Phase werden die konfrontierenden Anfragen als eine
Fortsetzung des Interesses an der Person erlebt. Und zwar gibt die
schematische Form und die
ritualisierte Abfolge dem Ratsuchenden die Sicherheit, daß
sich hinter
den Fragen keine persönlichen Motive/Spitzen, keine heimlichen
Absichten
oder gutgemeinten Besserwissereien verbergen. Da hierdurch die
Kommunikation
auf der Beziehungsebene nicht gefährdet ist, kann er sich ganz
auf die
"Sache", nämlich seinen eigenen
Klärungsprozeß konzentrieren.
Interessanterweise fordert gerade die scheinbar sachliche und
nüchterne
Arbeitsatmosphäre das Entstehen von guten emotionalen
Beziehungen innerhalb
der Gruppe. Gerade dadurch, daß der Ratsuchende sich in
keiner Phase
rechtfertigen oder argumentativ behaupten muß, sowie dadurch,
daß
er Inhalt, Dauer, Tempo und Intensität des Prozesses selbst
bestimmen
kann, wird ihm das Einnehmen von anderen Sichtweisen (also die
evolutionäre
Veränderung seiner Subjektiven Theorien) erleichtert. "
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