Speere, Teddybären und Lehrer in Kriegsbemalung
Die Adorno-Schule im niedersächsischen Elze verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: die Abschaffung des Unterrichts
Teddys überall. In einer Vitrine neben dem Eingang finden sich Teddybären aus Stoff, Stroh, Keramik, daneben Haribo-Gummibären, Tücher und T-Shirts mit Teddy-Aufdrucken. Geht man weiter hinein in das freundliche Schulgebäude - einen übersichtlichen, hellen Flachbau -, kommt man am »Teddy-Bistro« vorbei. Das Geheimnis dieser Schule lüftet sich allmählich, wenn man das große Bild gegenüber dem Bistro sieht: Es zeigt den Sozialphilosophen Theodor W Adorno (1903 bis 1969). Nach diesem Mann ist die Schule benannt - und dieser Mann trug den Spitznamen »Teddy«. Die Teddys sind Symbol der Schule, sie sollen den Schülern die Identifikation mit dem Namensgeber erleichtern.
Die Adorno-Schule am Rand des 10. 000 Einwohner-Ortes Elze in Niedersachsen ist eine Regelschule mit den KIassen fünf bis zehn; die Klassen fünf und sechs bilden die Orientierungsstufe, die Klassen sieben bis zehn sind Hauptschule. Damit aber sind die
Gemeinsamkeiten zu anderen Schulen fast schon benannt - denn die Adorno-Schule fällt aus dem Rahmen. Der Name ist Programm. Dabei geht es weniger darum, daß die Hauptschüler die überaus schwierigen Texte von Adorno lesen - das ist kaum möglich - sondern im Schulhaus soll im Zusammenleben und -lernen etwas von dem Geist des Philosophen lebendig werden.
"Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung", zitiert der rührige Rektor Norbert Hilbig einen der Kernsätze Adornos. Dem kritischen Philosophen ging es um eine Absage an jede Form der Barbarei. »Das Ziel in der Schule ist Gewaltfreiheit«, sagt Hilbig, »und es ist wichtig, den Schülern unnötige Versagungen und Restriktionen zu ersparen, denn daraus entstehen Aggressionen.« Die Aggressivität und das spürt auch der Gast in dieser Schule - »geht gegen null« (Hilbig), obwohl teilweise schwierige Schüler die Hauptschule besuchen. Nebenan ist ein Jugenddorf mit Internat, in dem verhaltensauffällige Kinder aus der ganzen Bundesrepublik untergebracht sind; eine ganze Reihe von ihnen besucht die Adorno-Schule; es ist gelungen, sie dort gut zu integrieren.
Das Erfolgsgeheimnis von Elze ist einfach und schwierig zugleich. »Schule muß Spaß machen, Lehrer und Schüler müssen sich damit identifizieren können«, sagt Hilbig. Elisabeth (14), Franziska (12) und Nina (12), drei von dreihundert Schülerinnen und Schülem, bestätigen das: Was Adorno für einer war, »das interessiert uns nicht so«, aber der Schulalltag sei »supercool«, die Lehrer »lockerer und lustiger«, als man das sonst kenne. Lobend erwähnt wird das Teddy-Bistro und die »Auszeit«, die sich jeder Schüler nach der vierten Stunde nehmen kann: Sinkt die Konzentration und hat man, aus welchen Gründen auch immer, Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, kann man aus der Klasse gehen, sich an einen Vertrauenslehrer wenden und sich mit anderen Arbeiten beschäftigen: sei es in den Fluren Plakate aufhängen, seien es Verschönerungen in der Aula. jeden Mittwoch nach der sechsten Stunde wird die Aula zum Bistro umgewandelt; es gibt ein gemeinsames Mittagessen für Schüler aller Altersklassen, es wird Billard gespielt, und die anfallenden Bistro-Arbeiten werden unter den Schülern aufgeteilt.
Entscheidend für das Konzept der Adorno-Schule ist das Ziel, den herkömmlichen Unterricht zu überwinden. An die Stelle von Fächern im 45-Minuten-Takt treten übergreifende Projekte, an denen sich alle Schüler jahrgangsübergreifend beteiligen, »Die Zerstückelung muß überwunden werden«, sagt Hilbig. »Denn sonst bleibt es dabei, daß ein Schüler eine Stunde Geschichte hat und er sich in dieser Zeit für die Weimarer Republik interessieren soll; dann hat er eine Stunde Biologie und soll sich für die Problematik des HI-Virus interessieren; dann hat er eine Stunde Religion und bekommt ein Arbeitsblatt über die Nächstenliebe.«
Die Adorno-Schule ist als Projektschule der Expo 2000 in Hannover ausgewählt worden, also als Schule, die sich bei der Weltausstellung präsentieren darf. Hilbig und sein dreißigköpfiges Lehrerkollegen-Team verfolgen ein ehrgeiziges Ziel: Bis zu diesem Jahr will man den Unterricht in 15 Fächern abschaffen. Regelunterricht findet dann nur noch in den ersten beiden Stunden in Mathematik, Englisch und Deutsch statt; nach der großen Pause - »es klingelt nur noch einmal am Tag« (Hilbig) - startet der Projektunterricht. Das soll im Expo-Jahr so sein, aber auch in der Zeit danach.
Diese »Projektspektaktel« zu einem bestimmten übergreifenden Thema werden dann sage und schreibe ein halbes Jahr dauern; in diesem Jahr hat man sich noch auf zweieinhalb Wochen Projektarbeit beschränkt, im nächsten sollen es aber schon vier bis sechs Wochen sein. All das ist keine graue Theorie. Hilbig zeigt auf den Speer in der Ecke seines Lehrerzimmers: eine täuschend echt aussehende Waffe mit Federschmuck und Metallspitze. Das gute Stück ist mit viel Liebe während des Projektes »Nordamerikanische Indianer« angefertigt worden.
Hilbig weist auch auf die Fotos, die bei diesem Spektakel gemacht worden sind: Zu sehen sind Lehrer und Schüler in Indianerkluft, mit nacktem Oberkörper und in Kriegsbemalung.
Ein solches Projekt kann die klassischen Fächer ersetzen.Das indianische Kunsthandwerk und der Bau von Trommeln ersetzen den Werkunterricht, die Kunst des Trommelns tritt an die Stelle des Musikunterrichts, die Beschäftigung mit der indianischen Naturreligion und mit Mythen vermittelt Kenntnisse in Religion und Werteerziehung, und das Befassen mit Indianerkriegen kann man dem Fach Geschichte zuordnen. Weil das so ist, können am Ende auch Noten gegeben werden.
Diese Inszenierung fremder Lebenswelten, die in der Fachliteratur »Inszenierungspädagogik« genannt wird, ist weit anschaulicher als der herkömmliche Unterricht. Dem gleichen Impuls entspricht auch das Sozialpraktikum, das die Schüler der zehnten Klasse machen. Die Schüler sollen drei Wochen lang vor Ort - etwa in einer diakonischen Einrichtung oder in einem Kindergarten - Erfahrungen machen, »Wenn sie einen sterbenden Menschen begleiten, dann ist das mehr, als sie jemals im Unterricht lernen können«, sagt Hilbig.
Was hätte Adorno zu all dem gesagt? Hilbig schmunzelt. »Vermutlich wäre er unser schärfster Kritiker gewesen«, sagt der Rektor schließlich. Adorno hat Sätze geschrieben wie: Es kann kein richtiges Leben geben im falschen. Gemeint ist damit, daß man nicht einfach eine Idylle herstellen kann, während es draußen in der Gesellschaft an allen Ecken und Enden brennt. Hilbig weiß, daß man »pädagogischen Optimismus« für, ein Schulprojekt wie das in Elze braucht. »Wenn wir glaubten, wir erreichen sowieso nichts, dann müßten wir die Schule sofort schließen«, sagt er. Vermutlich würden die Pädagogen, die den Optimismus verloren hätten, zu schlechten Lehrern an schlechten Schulen, und am Ende seien sie davon überzeugt: Man kann nichts machen. Hilbig sieht das anders. »Ich habe diesen Optimismus: Wir können prägend und gewaltmindernd wirken - und wenn uns das gelingt, dann haben wir gewonnen.«
WIGBERT TOCHA
Publik-Forum 1998 Nr. 24
Der Direktor:
"Bei uns lernen sie weniger, aber gründlich"
Von MARKUS WAITSCHIES
Elze - Es ist wie ein Jugendtraum. In Elze bei Hannover gibt es eine Schule, in der Lehrer gerade den Unterricht abschaffen. Und die niedersächsische Landesregierung billigt das nicht nur, sie fördert es sogar.
Fünfte Stunde: In einem Wigwam auf dem Schulhof sitzt dir Schüler Christian Haach (12) und lernt rauchen. Keine Zigaretten, versteht sich. Christian hält eine Friedenspfeife in den Händen. Lehrer Klaus Sengebusch (49) gibt Feuer, doziert: "Alles war für Indianer lebendig und heilig. Auch jeder Krümel Tabak in der Pfeife. "Mit dem Rauch nehmen die Sioux das Leben auf." Naturglaube statt Bibelkunde. So sah sechs Wochen lang, von Anfang Mai bis heute, der Religionsunterricht an der Theodor-W.-Adorno-Hauptschule aus.
Ausgedacht haben sich das Rektor Norbert Hilbig (51) und Stufenleiter Thomas Beyerling (49). Der schwärmt: "Diese Art Religionsvermittlung war ein Teil unseres großen Projektes ,Besiedlung Nordamerikas'. Damit können bis zu 15 klassische Fächer ersetzt werden."
Denn während Christian an der Pfeife zieht, knüpfen 13 andere der insgesamt 284 Hauptschüler in einem Klassenzimmer Teppiche - Handwerksunterricht. In der Pausenhalle schreiben zu gleicher Zeit junge Redakteure an einer fiktiven Western-Zeitung - Deutschstunde. Andere Schüler lernen das fachgerechte Trommeln der Indianer- Musikunterricht.
Von morgen an wird an der Adorno-Schule wieder gebüffelt wie an anderen Schulen auch.
Noch. Denn im kommenden Jahr dehnen die Lehrer die Projektzeit von sechs Wochen auf sechs Monate aus. Dann werden die Schüler für die praktische Lerneinheit, die "Japan" heißen soll, beispielsweise Kimonos nähen, Kampfrituale lernen und einige Schriftzeichen lesen können. Das kostet Zeit. Regelunterricht geben die 28 Lehrer dann nur noch während der ersten beiden Stunden - in Mathematik, Deutsch und Englisch.
Sechs Monate "Japan"-Projekt, sechs Monate kaum konventioneller Unterricht - geht das überhaupt? Die lange Dauer ist nur möglich, weil die Landesregierung die Adorno-Schule zu einem der Expo-2000-Projekte ernannt hat. Im Rahmen der Weltausstellung präsentiert die Hauptschule sich von März bis September als "Schule der Zukunft".
Delegationen aus dem In- und Ausland sollen sich diese Form des Lernens anschauen. Schon heute, am letzten Tag des Amerika-Projektes, erwartet Schulleiter Hilbig 400 Gäste aus Politik und Wirtschaft zur Abschlußveranstaltung.
Sechs Monate Projekt. Für Außenstehende eine lange Zeit, für die Vordenker Beyerling und Hilbig aber lange nicht genug. Geht es nach ihnen, markiert das Expo-Jahr erst den Anfang einer Revolution. Selbstbewußt verkünden sie: "Wir werden den Unterricht ganz abschaffen. Unsere Projekte dauern künftig das ganze Schuljahr." Starke Worte. Und die Chancen auf Verwirklichung scheinen nicht von vornherein ausgeschlossen. Der Expo-Ritterschlag hat die Bürokraten in der Schulbehörde milde gestimmt. Beyerling: "Wir agieren vielfach illegal-die Beamten nehmen es nicht so genau."
Illegal? Damit meint Beyerling die latente Mißachtung des Schulrahmenplans. Der gibt den Schulen vor, was ihre Schützlinge lernen müssen. Beyerling und Rektor Hilbig, das weiß auch der Kultusminister, dehnen die Richtlinien mit ihren Projekten bis aufs äußerste aus.
Ein wunder Punkt ist das abfragbare Wissen. Hilbig gibt zu: "Bei uns lernen die Schüler weniger, aber gründlich." Mit sturem Lesen und Auswendiglernen angepauktes Wissen gehe wieder verloren. "Die Schüler sollen eintauchen, statt zu überfliegen." Frei nach dem Motto: Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn das Gelernte vergessen ist.
Ein weiteres Problem sind die Noten. Wie sollen Schüler für ein freies Projekt bewertet werden? Beyerling: "Wer sich rar macht, wird schlechter bewertet, wer voll dabei ist, besser."
Bei ihrem Ansatz kommt Hilbig und Beyerling entgegen, daß sie eine Hauptschule leiten. Auf dem Gymnasium, glauben sie, würde ihr Konzept so nicht funktionieren- steht da doch die Vorbereitung für die Universität im Mittelpunkt, wo es um gelerntes Fachwissen geht. An der Hauptschule sei das anders. "Hier lernen Schüler im Team zu arbeiten und sich in andere Rollen zu versetzen. Und sie sind begeisterungsfähig," sagt Beyerling. Davon habe auch ein Kfz-Meister etwas, der später einen Schulabgänger ausbildet. "Er bekommt einen motivierten Lehrling."
Vorausgesetzt, der Jugendliche läßt sich dazu überreden, die Traumschule in Elze überhaupt zu verlassen.
Hamburger Abendblatt Donnerstag, 3. Juni 1999
Von Teddys, Indianern und aufregendem Unterricht
Zum Beispiel: Die Adorno-Schule im niedersächsischen Elze
Von Wigbert Tocha
ELZE. Bianca gilt als schwierige Schülerin, sie ist oft unleidlich, aggressiv und patzig. Doch jetzt, beim großen Mittelalter-Projekt der Schule, ist sie wie verwandelt. Sie ist in die Rolle einer Ordensschwester geschlüpft, schreitet würdevoll durch das Gewusel um sie herum, durch die Reihen der Gaukler, Bettler und Quacksalber. Gemächlichen Schrittes geht sie auf einen Kardinal zu; es ist der Rektor der Schule, der sie mit Schwester Bianca anspricht. Was sie sonst in Rage gebracht hätte, stimmt jetzt mit dem inneren und äußeren Bild überein.
Mit solchen Projektspektakeln lockert die Theodor-W.-Adorno-Schule im niedersächsischen Elze den schulischen Alltag auf. Aber das Konzept ist mehr als eine Abwechslung. Nach und nach soll es den üblichen Unterricht im im 45-Minuten Takt fast vollständig ablösen. Rektor Norbert Hilbig bringt es auf die griffige Formel ,Leben statt Unterricht.' Die herkömmliche Abfolge in den Schulen hält er für eine Zerstückelung: Eine Stunde Geschichte, da muß ich mich als Schüler für die Weimarer Republik interessieren, dann folgt eine Stunde Biologie, da muß ich mich für das HI-Virus interessieren, dann eine Stunde Religion, wo ich ein Arbeitsblatt über die Nächstenliebe bekomme - all das ist weit weg von der Wirklichkeit.'
Die Inszenierung fremder Lebenswelten mischt die 300 Schüler und ist weit anschaulicher als der herkömmliche Unterricht. Dem gleichen Impuls dient auch ein Sozialpraktikum, das die Schüler der zehnten Klassen machen. Die Schüler sollen drei Wochen lang vor Ort - etwa in einer diakonischen Einrichtung oder in einem Kindergarten - soziale Erfahrungen machen. "Wenn sie einen sterbenden Menschen begleiten, dann ist das mehr, als sie jemals im Unterricht lernen können', sagt Hilbig.
Die Adorno-Schule ist eine Regelschule mit den Klassen fünf bis zehn; die Klassen fünf und sechs bilden die Orientierungsstufe, die Klassen sieben bis zehn sind Hauptschule. Unlängst ist sie vom Kultusministerium in Hannover als Projektschule der Expo 2000 ausgewählt worden, also als Schule, die sich bei der Weltausstellung präsentieren darf. Der rührige Rektor Hilbig und sein dreißigköpfiges Lehrerkollegen-Team verfolgen das ehrgeizige Ziel, bis dahin den Schulalltag noch weiter umzukrempeln. Regelunterricht findet dann nur noch in den ersten beiden Stunden in Mathematik, Englisch und Deutsch statt - "es klingelt nur noch einmal am Tag" (Hilbig), und nach der großen Pause startet der Projektunterricht.
Indianer-Projekt im Klassenzimmer
Ein solches Projekt ersetzt bis zu 15 Fächer. Beim Spektakel "Nordamerikanische Indianer" tritt das indianische Kunsthandwerk und der Bau von Trommeln an die Stelle des Werkunterricht, die Kunst des Trommelns nimmt den Platz des Musikunterrichts ein, die Beschäftigung mit der indianischen Naturreligion und mit Mythen vermittelt Kenntnisse in Religion und Werteerziehung, und das Befassen mit Indianerkriegen kann man dem Fach Geschichte zuordnen. Weil das so ist, können am Ende auch Noten gegeben werden. In der Fachliteratur nennt man den Ansatz von Elze Inszenierungspädagogik, aber man kann es auch einfach sagen: Schule muß Spaß machen. Die Schülerin Elisabeth (14) bestätigt das: Der Schulalltag sei supercool', die Lehrer lockerer und lustiger, als man das sonst kenne. Kann Elisabeth mit dem Namensgeber der Schule, dem Sozialphilosophen Adorno, etwas anfangen? Was das für einer war', sagt sie, weiß ich, aber das interessiert mich nicht so.'
Daß die Auseinandersetzung mit einem Philosophen für die Hauptschüler nicht im Vordergrund stehen kann, ist auch Hilbig klar. Es gehe nicht darum, sich an einer Hauptschule seine auch für Erwachsene nur schwer lesbaren Texte einzuverleiben - das ist nicht möglich', sagt Hilbig. Vielmehr soll im praktischen Umgang etwas vom Geist Adornos lebendig werden, der Sätze geschrieben hat wie: "Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung." Dem kritischen Philosophen (1903 bis 1969) sei es um eine Absage an jede Form der Gewalt und Barbarei gegangen, und "das Ziel in der Schule ist Gewaltfreiheit", sagt Hilbig, es ist wichtig, den Schülern unnötige Versagungen und Restriktionen zu ersparen, denn daraus entstehen Aggressionen'. Aggressivität und offene Gewalt an dieser Schule - das' spürt auch der Gast in Elze -,geht gegen null' (Hilbig), obwohl teilweise schwierige Schüler die Hauptschule besuchen. Bewußtsein schaffen im Sinne Adornos will man auch mit besonderen Gedenkveranstaltungen für alle Schüler und Interessierte von draußen'. Am 27. Januar lädt man zu einer Feier aus Anlaß des Jahrestags der Befreiung von Auschwitz ein.
Entscheidend für das lüima an der Schule ist die große Zufriedenheit der Schüler und die Identifikation mit ihrer Schule. Kindgerecht prangt überall das Symbol der Schule: der Teddy. Schon in einer Vitrine am Eingang finden sich Teddybären aus Stoff, Keramik, Stroh, daneben Haribo-Gummibärchen, Tücher und T-Shirts mit Teddy-Aufdrucken. Auch in dem kleinen Heft, das jeder Schüler bekommt, ist ein Teddy abgebildet, bevor in einfachen Worten erklärt wird, wer Adorno war und was er wollte. Und das Cafe, zu dem immer mittwochs nach der sechsten Stunde die Aula umgewandelt wird - es ist Gelegenheit für ein gemeinsames Mittagessen und für Spiele -, trägt den Namen 'Teddy-Bistro'. Gegenüber dem Bistro hängt ein riesiges Bild von Adorno, und Eingeweihte kennen den Zusammenhang: Teddy" war der Spitzname des Philosophen Adorno.
Was hätte Adorno zu all dem gesagt? Hilbig schmunzelt. "Vermutlich wäre er unser schärfster Kritiker", sagt der Rektor, schließlich hat er Sätze geschrieben wie: Es kann kein richtiges Leben geben im falschen." Gemeint ist damit, daß man nicht einfach eine Idylle herstellen kann, während es draußen in der Gesellschaft an allen Ecken und Enden brennt. Aber Hilbig weiß, daß man eine Schule nicht gestalten ' kann, wenn man nicht über ein gehöriges Maß an pädagogischem Optimismus" verfügt. "Wenn wir glaubten, wir erreichten sowieso nichts, dann müßten wir die Schule sofort schließen', sagt er.
Frankfurter Rundschau, Nr. 5/1, 7. Januar 1999