Zum Stand des Darstellenden Spiels in Niedersachsen

Als Anfang der siebziger Jahre einzelne Schulen, wie z. B. die Neue Oberschule in Braunschweig, im Zuge der Reform der gymnasialen Oberstufe Darstellendes Spiel als drittes musisch-künstlerisches Fach einführten und dies sogar als 4. Prüfungsfach belegt werden konnte, nahm Niedersachsen eine Vorreiterrolle ein. Nachdem dann Schülern und Schülerinnen aus Niedersachsen in anderen Bundesländern mit Hinweis auf das Fach Darstellendes Spiel der Hochschulzugang verwehrt wurde, kam es rasch zu einem Ende dieser Entwicklung.
Inzwischen haben ganzheitliche, projekt- und produktorientierte Arbeitsweisen in der Schule  zunehmend an Bedeutung gewonnen. Sie erweitern nicht nur das Methodenrepertoire  der Lehrenden, sondern sie  entsprechen auch den Anforderungen und den Forderungen der Arbeitswelt, wie sie sich in den unterschiedlichen Schlüsselqualifikation niederschlagen. In besonderer Weise können hier die Fächer des musisch-künstlerischen Bereichs einen wesentlichen Beitrag leisten, da sie durch ihre Methoden verstärkt die neuronale Vernetzung fördern und somit einen entscheidenden Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung leisten. Daher auch die Forderung von Bundes- und Landeselternräten nach einem ausreichenden Unterrichtsangebot in diesem Bereich.
Parallel hierzu kommt die Entwicklung, dass viele Schulen im Rahmen der Entwicklung des Schulprofils verstärkt den musisch-künstlerischen Bereich ausbauen.
Wie in zahlreichen anderen Bundesländern, so haben sich auch in Niedersachsen Kolleginnen und Kollegen vor  mehr als 25 Jahren in  einem Fachverband  organisiert, um die notwendigen didaktischen und methodischen Vorüberlegungen zur Einführung eines Faches zu erarbeiten. So hat sich inzwischen auch in Niedersachsen in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium und dem NiLS  eine fachliche Infrastruktur entwickelt, die auch in einem Vergleich mit anderen Bundesländern bestehen kann.
So hat heute Darstellendes Spiel seinen Stellenwert in niedersächsischen Schulen nicht nur als Fach, sondern auch im AG- und Projektbereich und als methodisches Prinzip im Fachunterricht verschiedener Fächer.
Die nachfolgende Zusammenstellung geht schwerpunktmäßig nur auf den Stand ein, der sich aus der spezifischen Fachsituation ergibt.

Ausbildung 1.Phase

Seit dem Wintersemester 2000/2001 wird in Niedersachsen der Teilstudiengang Darstellendes Spiel für das Lehramt an Gymnasien angeboten. Die Studieninhalte werden in Modulform angeboten und können an der Hochschule für Bildenden Künste Braunschweig, der Hochschule für Musik und Theater Hannover, der Universität Hannover und an der Universität Hildesheim studiert werden. Die einzelnen Module sind aufeinander abgestimmt. Die besondere Attraktivität des Studienganges besteht darin, dass im Rahmen des Pflicht- und Wahlangebotes in der Regel jedes Modul an mindestens zwei Hochschulen parallel und alternativ bereitgestellt wird. Darüber hinaus werden Projekte angeboten, die jeweils von zwei Hochschulen in Kooperation durchgeführt werden.
Darstellendes Spiel versteht sich als ein Theorie und Praxis integrierendes, wissenschaftlich – künstlerisches Studium. Das Studium umfaßt 64 Semesterwochenstunden mit einer Regelstudienzeit von 4 Semestern. Zugelassen werden kann, wer die Zwischenprüfung im Studiengang Lehramt an Gymnasien und die Zugangsprüfung bestanden hat.
Für das Wintersemster 2002 ist ein grundständiger Studiengang in Kombination mit den Fächern Deutsch, Fremdsprache, Kunst und Musik vorgesehen, an dem sich dann neben den oben genannten Hochschulen auch die Technische Universität Braunschweig beteiligen wird.
Zusätzlich zu diesem Angebot gibt es an fast allen niedersächsischen Hochschulen Studienelemente oder Studienschwerpunkte Darstellendes Spiel/Theaterpädagogik für die unterschiedlichen Lehramststudiengänge. Gemeinsam ist diesen Angeboten allerdings, dass Seminare in diesem Bereich keinen verbindlichen Charakter für die erste Ausbildungsphase haben, sondern nur als zusätzliche Qualifikation eingebracht werden können.

Ausbildung 2.Phase

An den staatlichen Studienseminaren gibt es bisher noch keine Ausbildung im Fach Darstellendes Spiel, da dies erst notwendig wird, wenn die ersten Absolventen des grundständigen Studienganges in den Landesdienst eintreten.
Allerdings gibt es schon jetzt an zahlreichen Studienseminaren im allgemeinen pädagogischen Teil der Ausbildung eine Einführung in den Bereich Darstellendes Spiel unter den Stichworten „Kommunikative Kompetenz/Darstellendes Spiel“. Dieses Angebot verfolgt drei grundlegende Ziele:

1.    Es soll zur Stärkung der Lehrerpersönlichkeit beitragen.
2.    Es soll Spiel-und Theatermethoden als didaktisch-methodisches Instrumentarium für den Unterricht, aber auch für außerunterrichtliche Schulveranstaltungen
       bereitstellen.
3.    Es soll in die Kunstform Darstellendes Spiel einführen, einem zentralen Bereich ästhetischer Erziehung in der Schule.

Inzwischen kann diese zusätzliche Qualifikation von den Seminaren auch bescheinigt werden, wenn folgende Mindestanforderungen erfüllt werden

1.    „ein aktenkundig gemachtes Ausbildunsgkonzept des Seminars,
2.    mindestens 20 Stunden Seminarveranstaltungen,
3.    in der Regel Ausbildungsunterricht von 15 Stunden einschließlich eines besonderen Unterrichtsbesuchs,
4.    ein erfolgreiches Kolloquium von  mindestens 20 Minuten Dauer“.

Dieses Angebot gibt Anregungen für die unterrichtliche Praxis, soll aber auch Anstoß sein, Weiterbildungsmaßnahmen zu besuchen, die dann die Möglichkeit bieten, das Fach „Darstellendes Spiel“ zu unterrichten.

Weiterbildung

Einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung des Faches hat das NiLS geleistet. Initiiert von Fachverband für Theatererziehung und Schultheater e.V. sind in Zusammenarbeit mit dem NLI seit 1994 kontinuierlich Weiterbildungsmaßnahmen konzipiert und umgesetzt worden.
Von 1994 bis 1999 wurde als Modellversuch das „Projekt Schultheater – Weiterbildungsmaßnahme des NiLS Darstellendes Spiel und Schultheater“ durchgeführt. Die Maßnahme (ein Durchgang Primarbereich, drei Durchgänge Sekundarbereich I und zwei Durchgänge Sekundarbereich II) war so angelegt, dass neben der  Qualifikation von Lehrkräften Weiterbildungskonzepte für Darstellendes Spiel entwickelt, durchgeführt und evaluiert wurden.
Die Durchgänge wurden als zentrale Kurse in ausgewählten Fortbildungsregionen durchgeführt, so dass der Einzugsbereich, aus dem die Lehrkräfte kamen, vorrangig deren Bereich entsprach. Jeder Durchgang berücksichtigte jeweils eine Fortbildungsregion in jedem Bezirk, so dass der landesweite Bezug gewahrt blieb.
Daraus ergibt sich, dass ein Netzwerk von Lehrkräften in gegenseitig gut erreichbarer Nähe enststehen kann, durch das der kontinuierliche Austausch von Erfahrungen gefördert wird.
Ressourcen der Regionen – sowohl personelle als auch institutionelle – können besser genutzt, Besonderheiten können eingebracht und Defizite können stärker berücksichtigt werden.
Zusätzlich wird die Schwelle, Weiterbildungsangebote wahrzunehmen, durch den räumlich bedingten geringeren persönlichen Zeit- und Organisationsaufwand gesenkt.
Auf Basis dieser Erfahrungen sind in der Folge vier weitere Durchgänge, in jedem Bezirk einer,  konzipiert und durchgeführt worden, die im 2. Halbjahr 2000 beendet worden sind.
Insgesamt haben etwa 200 Lehrkräfte an diesen Weiterbildungskursen teilgenommen und mit einem Zertifikat abgeschlossen, das ihnen die Befähigung ausspricht, das Fach Darstellendes Spiel zu unterrichten.
Aufgrund gleichbleibend großer Nachfrage nach Weiterbildung für das Fach und bei rückläufigen öffentlichen Mitteln hat das NiLS eine neue Weiterbildungsmaßnahme aufgelegt, die  in Zusammenarbeit mit den Fortbildungsregionen und niedersächsischen, vom NiLS anerkann-ten Anbietern von theaterpädagogischer Fort- und Weiterbildung getragen wird. Lehrkräfte,  die ein Zertifikat erwerben wollen, müssen in einem Pflichtbereich, der 160 Stunden umfaßt, bestimmte Module (Miteinander ins Spiel kommen, Grundlagen des szenischen Spiels I – III, Spielleitung I – III und Unterrichtspraxis I und II ) nachweisen und zeigen, dass sie in einem Wahlbereich, 50 Stunden, ihre Fachkompetenz vertieft haben. Der Anbieter ist frei wählbar, die Weiterbildung soll in der Regel nach zwei Jahren abgeschlossen sein. Dieses Angebot, das im 2. Halbjahr 2001 begonnen hat, ist bis jetzt von etwa 140 Lehrkräfte belegt worden.

Fortbildung

Die Grund- oder Basisqualifikation, die durch die Teilnahme an einer Weiterbildungsmaßnahme erworben werden kann, soll, wie dies für andere Fächer auch gilt, durch Zusatzqualifikationen erweitert werden. Fortbildung für einzelne Fächer wird nur noch in der regionalen Lehrerfortbildung angeboten. Dies gilt auch für das Darstellende Spiel. So findet man auch in den Ausschreibungen der verschiedenen Fortbildungsregionen regelmäßig Angebote für das Fach, die in Teilaspekte einführen.

Situation des Faches

An etwa 70 Schulen (Stand Schuljahr 2001/2002) mit gymnasialer Oberstufe kann zur Zeit von den Schülerinnen und Schülern Darstellendes Spiel als Fach zur Abdeckung der Pflicht-auflagen im musischen Bereich gewählt werden. Die erworbenen Punkte können eingebracht werden, eine Wahl als Prüfungsfach ist zur Zeit noch nicht möglich.
Schulen, die das Fach einführen wollen, müssen die Genehmigung der obersten Schulbehörde einholen. Diese ist an bestimmte Bedingungen (personell, materiell) geknüpft. Der Antrag an das Kultusministerium muss folgende Angaben enthalten:

1.    Beschluss der Gesamtkonferenz.
2.    Zustimmung des Schulträgers.
3.    Die Namen der Lehrkräfte, die das Fach unterrichten werden. Davon sollte in der Regel eine Lehrkraft an einer Weiterbildungsmaßnahme des Landes
       Niedersachsen teilgenommen haben.
4.    Angaben über die Fachinhalte und über den geplanten Unterrichtsverlauf in den Jahrgängen 11 und 12 (Grundlage hierfür sollen der „Vorläufige Rahmenplan
       Darstellendes Spiel, Berlin“ und der „Lehrplan Darstellendes Spiel für  die gymnasiale Oberstufe, Hamburg“ sein).
5.    Übersicht über die geplanten Leistungskontrollen und über die Gewichtung der Teilleistungen.

Im Sekundarbereich I wird an einigen Schulen Darstellendes Spiel im Rahmen von schulinternen Modellversuchen als Wahlpflichtfach angeboten.
Beinahe alle Gesamtschulen (IGS und KGS) bieten Darstellendes Spiel im Wahlpflichtbereich musisch-kulturelle Bildung an. Hier liegen auch schon erste Erfahrungen mit der „Fachbezogene Leistungsüberprüfungen“ im Jahrgang 10 im Fach Darstellendes Spiel vor.
Zahlreiche Schulen anderer Schulformen im Sekundarbereich I bieten Darstellendes Spiel im Rahmen möglicher Wahlpflichtfächer an.

Schülertheatertreffen

Niedersachsen verfügt über zwei große Schülertheatertreffen, die über die Landesgrenzen hinaus Bedeutung haben. Beiden gemeinsam ist, dass sie für Schüler aller Schulformen offen sind.
Die Braunschweiger Schultheaterwoche findet in diesem Jahr zum 33. Mal statt und ist damit bundesweit das älteste Theatertreffen für Schüler. Getragen wird die Schultheaterwoche vom Verein zur Förderung des Schutheaters im Regierungsbezirk Braunschweig e. V. in Zusammenarbeit mit der Bezirksregierung Braunschweig und dem Staatstheater Braunschweig. Die Schülertheatergruppen, die sich zu diesem Treffen melden, werden im Vorfeld theaterpädagogisch betreut und nach den Aufführungen wird ihre Arbeit in Gesprächsrunden gewürdigt. Die hier entwickelte und gewünschte Vernetzung leistet einen wichtigen Beitrag zur Förderung  und zur Bestätigung der Theaterarbeit in den Schulen des Bezirks.
Das Niedersächsische Schüler-Theater-Treffen (NSTT) besteht seit 1980 und findet im Zweijahresrhythmus statt. Veranstalter ist der Fachverband für Theatererziehung und Schultheater e. V., der das Treffen mit Unterstützung des Kultusministeriums und der Kommune durchführt, die das zentrale Abschlusstreffen organisiert. Zeitweilig haben sich bis zu 130 Schülertheatergruppen zur Teilnahme angemeldet, von denen jeweils etwa 12 Gruppen auf dem Abschlusstreffen eine exemplarische Momentaufnahme der aktuellen niedersächsischen Schultheater-Landschaft gezeigt haben.
Beide Treffen zeigen, dass es bei vielen Schülerinnen und Schülern ein elementares Bedürfnis gibt, sich mit den Mitteln des darstellenden Spiels kreativ mit der eigenen, der vergangenen oder der zukünftigen Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Verfasser ist Dezernent am NiLS und Fachberater für Darstellendes Spiel bei der Bezirksregierung Hannover.

H.-H. Lenz

06.03.2003
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