Holocaust mit Happy-End? - Der Spiegel 21/1993 Die Stadt Krakau in ihrer alten Schönheit hat durch den letzten Krieg Die meisten Deutschen, so heißt es, haben von dieser
Amon Göth zum Beispiel,
SS-Hauptsturmführer: Er konnte vor nunmehr 50 Jahren, am 14. März 1943, seinen Auftraggebern melden, Krakau sei "judenfrei". Er hatte die verbliebenen Juden in einer umzäunten Barackensiedlung im Vorort Plaszow
zusammengepfercht, wo sie Zwangsarbeit leisten mußten. Er liebte die Musik, aber er liebte es auch, nach dem Frühstück vom Balkon seiner Villa mit Blick über das Lager irgendeinen Häftling, der ihm zufällig vors Zielfernrohr kam,
zu erschießen. Sein jüdischer Sekretär Mietek Pemper zuckte innerlich jedesmal schon zusammen, wenn Göth im Büro das Briefdiktat unterbrach und zur Jagdflinte griff. Es gab auch Deutsche, die nicht so brav waren und
sich nicht durch Diensteifer und Gehorsam hervortaten. Oskar Schindler zum Beispiel, der den Eindruck eines leichtfüßigen, wenig kreditwürdigen Hasardeurs machte. Er kam aus dem katholisch-deutschnationalen Sudetenland, Sohn eines
kleinen Fabrikanten, trat angeberisch als Amateur-Rennfahrer auf und lief mit einem dicken NSDAP-Abzeichen im Knopfloch herum. Doch er verstand es, sich um den Wehrdienst zu drücken, weil es ihm lukrativer erschien, beim großen
Aufbruch in den Osten als Kriegsgewinnler mit von der Partie zu sein. Er war 31, als es losging, gleichaltrig mit Amon Göth. Er ließ seine Ehefrau daheim im mährischen Zwittau, tauchte im Troß der Eroberer in Krakau auf und sah
sich nach opportunen Geschäften um. Ein jüdischer Buchhalter namens Stern, der sein Vertrauen gewann, empfahl ihm eine bankrotte Emailwarenfabrik, die Näpfe, Töpfe und Kübel herstellte, und Schindler griff mit gepumptem Geld zu.
Als billige Arbeitskräfte boten sich die Juden an, auch Akademiker wie der Gymnasiallehrer Leopold Pfefferberg, denen die Ausübung ihres Berufs nicht mehr erlaubt war. Schindler bestand darauf, sie großzügig zu behandeln. Als man
ihm eine zwangsgeräumte Luxuswohnung anbot, zu Füßen der Königsburg Wawel, wo nun der Generalgouverneur Frank hof hielt, griff er zu - doch angeblich ging er zu dem jüdischen Ehepaar, das man hinausgesetzt hatte, und drückte ihm
50 000 Zloty als Entschädigung in die Hand. Schindler war ein harter Trinker und Schürzenjäger, der sich eine deutsche und eine polnische Geliebte hielt, ein Verschwender, dem nur französischer Cognac und englische Zigaretten vom
Schwarzmarkt gut genug waren, ein Dandy, der stets Seidenhemden, straffe Zweireiher und blitzblanke Stiefel trug - und zugleich war er ein Kavalier, der darauf hielt, daß man auch in einem Krieg für alles, was man anstellt und sich
herausnimmt, bezahlen muß, wie auch immer. Schindler hat mit seiner Geschirrfabrik gut 1000 Juden über fünf Jahre als Arbeitskräfte durchgefüttert. Er hat Vertretern des zionistischen "Joint Distribution Committee" in
Budapest die ersten konkreten Berichte von den Todeslagern überbracht, und er hat zuletzt, als die Endlösung drohte, all seine Arbeiter, die sich dankbar "Schindlerjuden" nannten, westwärts aus Polen gerettet, dazu das
Ehepaar, in dessen Wohnung er gezogen war, auch Göths Lieblingsmusiker, seinen unentbehrlichen Sekretär Mietek Pemper und sogar seine Köchin: Schindler gewann die junge Frau nach schwer durchzechter Nacht in einer
Siebzehn-und-vier-Partie gegen Göth und nahm sie mit, bevor der, ernüchtert, sie hätte erschießen können. Der Staat Israel, der sparsam mit Ehrungen umgeht, hat Oskar Schindler als einen der 36 "Gerechten"
gefeiert, die es jederzeit auch unter den Ungläubigen gebe, und ihm 1974 ein Ehrengrab in Jerusalem eingeräumt. Seit Anfang März dreht Steven Spielberg, 45, der erfolgreichste Unterhaltungskino-Macher der Welt, in
Krakau einen Film über Oskar Schindler und seine Juden. "Das ist bei weitem das größte, wichtigste Thema, das ich je angepackt habe", erklärt Spielberg immer wieder und wischt damit alle kommerziellen Bedenken beiseite. Er betreibt dieses Projekt seit elf Jahren beharrlich, obwohl etliche Drehbuchautoren nacheinander vor dem vertrackten Stoff kapitulierten, und im Rückblick ist Spielberg froh, daß er den Film nicht schon vor zehn
Jahren gemacht hat. "Zum einen: Ich bin viel sicherer, was ich will, weil ich es nicht mehr nötig habe, auf Erfolg zu spekulieren. Und zum andern: Nationalismus, Rassenwahn, Völkermord haben eine schreckliche neue
Gegenwärtigkeit, die wir uns vor zehn Jahren niemals vorgestellt hätten. Deshalb ist jetzt der richtige Augenblick für diesen Film." Spielberg, unvermeidlich mit Baseball-Mütze, dunklen Gläsern und Bart vermummt,
dreht "Schindler's List" in schwarzweiß und bedient, wie es seine Art ist, die Kamera immer eigenhändig. "Nur so habe ich das Gefühl, den Film wirklich selber zu machen." Er arbeitet ohne Atelier und ohne
amerikanische Stars, seine Crew ist britisch-polnisch-israelisch-deutsch-kroatisch gemischt. Den Schindler spielt der Ire Liam Neeson, der zuletzt in Woody Allens "Ehemänner und Ehefrauen" die Frauen mit seinem rustikalen
Charme verwirrte, den talmudkundigen Buchhalter Stern stellt der Brite Ben Kingsley dar, und der brutale Lagerchef Göth ist der Ire Ralph Fiennes. Das Fehlen von Amerikanern ist Absicht: Spielberg, der kalifornischste aller
Hollywood-Virtuosen, macht einen "europäischen" Film. Wahrscheinlich wird er drei Stunden lang. Es gab in Polen nicht 5 oder 7 Lager, in denen die Juden zur Zwangsarbeit eingepfercht und dann ermordet wurden,
sondern etwa 1800. Die Deutschen, so möchte es scheinen, hatten damit nichts zu tun, denn es gab in ihrer Sprache lange Zeit nicht einmal ein Wort dafür. Jahrzehnte später erst verständigten sie sich auf den Begriff
"Holocaust": Er erinnert weniger an eine Realität als an eine Fernsehserie und hat den Vorteil, daß eigentlich niemand weiß, was er bedeutet. In Steven Spielbergs Familie sprach man nicht von Holocaust,
sondern vom Großen Morden, "The Great Murder", zum Beispiel im Haus seiner Großmutter in Cincinnati. Dort traf sich, als er etwa dreijährig war, regelmäßig ein Kreis von europäischen Einwanderern, denen die Oma
Englischunterricht gab, und der kleine Steven entdeckte die Tätowierungen auf den Unterarmen der Gäste: Durch ihre KZ-Nummern lernte er die Zahlen kennen und die ersten Schreckensgeschichten aus der Welt, der sie entronnen waren. Im Januar, ein paar Wochen vor Produktionsbeginn, kam es zu Protesten gegen Spielbergs Plan, in Auschwitz zu drehen. Der jüdische Weltkongreß zeigte Bedenken, auch der Zentralrat der Juden in Deutschland; man tat, als
wolle er den Ort der Trauer zum Spektakelplatz machen. "Am lautesten schrien jene, die am wenigsten Ahnung von dem Projekt hatten", sagt Spielbergs Koproduzent Branko Lustig, noch immer verärgert über die Stimmungsmache,
"und natürlich jene, die nicht wollen, daß es einen solchen Film überhaupt gibt." Der Produzent, sonst im Fernsehgeschäft tätig, engagiert sich mit Geld und Leidenschaft für "Schindler's List", "weil das
eben nicht irgendein Film ist". Branko Lustig hat zwei Jahre seiner Kindheit in Auschwitz verbracht. Für Spielberg, der zum erstenmal eine "wahre Geschichte" inszeniert, ist die Authentizität der Orte so
unabdingbar, als würde nur dadurch die Erzählung beglaubigt. So hat er auf dem weiten Marktplatz von Krakau gedreht, in den engen Gassen, im alten Ghetto und in der Lipowastraße vor dem Hauptgebäude des einstigen Schindlerschen
Emailwarenwerks. "Ich möchte, daß das Ganze ein bißchen wie ein Dokumentarfilm aussieht. Die Erzählung soll von Fakten bestimmt werden, nicht von den Emotionen wie sonst in meinen Filmen. Sie spricht ganz für sich selbst."
Das Lager Plaszów, dessen Areal als weite, unbebaute Gedenkstätte langsam von den wachsenden Krakauer Betonvorstädten eingeschlossen wird, konnte kein Drehort sein. Spielberg hat es in einem stillgelegten Steinbruch
vor der Stadt nachbauen müssen, samt der Villa von Göth mit dem Schießstand auf dem Balkon. Doch Spielberg hat beharrlich durchgesetzt, daß Schindlers einstige Wohnung für Innenaufnahmen hergerichtet wurde - und so hat er auch,
seiner guten Absichten sicher, in Sachen Auschwitz-Birkenau von der Magie des realen Ortes nicht lassen wollen. Es wäre vielleicht, so Branko Lustig, im Billiglohnland Polen sogar günstiger gewesen, ein Stück Lager
nachzubauen. Doch eine Kopie des eckigen Torturms, des schrecklichen "Wahrzeichens" von Birkenau, durch den die Transportzüge einfuhren, erschien Spielberg unerträglich: Er hat, wie er es wollte, am realen Schauplatz
gedreht, doch vor dem Tor draußen, ohne das Lagergelände und die Ruhe des Orts zu tangieren. Ende der achtziger Jahre haben ausländische Investoren vor das alte Krakau einen beträchtlichen Klotz gesetzt, am
Weichselufer mit Blick auf die Königsburg Wawel: ein Luxushotel mit Kongreßzentrum und Spielkasino. In diesem Hotel "Forum" hat sich die ganze künstlerische "Schindler"-Crew ein naßkaltes polnisches Frühjahr
lang bei Laune gehalten; und in diesem Hotel "Forum" hat Spielberg, immer auf der Suche nach Zeitzeugen, auch eine Frau gefunden, die als Kind in Schindlers Lager überlebt hat: Sie betreibt den Frisiersalon im Haus. Einzig Spielberg wohnt nicht im "Forum", sondern in einem Privatquartier, dem sein Gefolge den Spitznamen "California Palace" verpaßt hat: ein kleines ehemaliges Hotel am Stadtrand, das offenbar
lange leerstand. Spielberg ließ es sich herrichten und elektronisch aufmöbeln. Dort lebt er mit Frau und vier Kindern und Freunden der Kinder und entsprechendem Gefolge, und von dort aus hält er nachts, wenn in Hollywood Tag ist,
über Satellit Funkkontakt mit seiner Firma Amblin. Denn während er sich in Krakau als bescheidener Schwarzweißfilmer gibt, läuft in Hollywood der Countdown zu seiner jüngsten Show-Großoffensive: Im vergangenen Herbst
hat Spielberg, für 60 Millionen Dollar, seinen bisher teuersten Film gedreht, das Saurierspektakel "Jurassic Park", und von Mitte Juni an soll es, wenn der Himmel will, im großen US-Sommerkinogeschäft neue Umsatzrekorde
erbringen. Manchmal beginnen Filmgeschichten ausgerechnet in Hollywood. An einem Oktobertag im Jahr 1980 kam der Inhaber des Lederwarengeschäfts "Beverly Hills Handbag Studio", ein Mann namens Leopold Page,
mit einem Kunden ins Gespräch, der, wie sich zeigte, Schriftsteller war, ein Australier namens Thomas Keneally, und begann ihm eine Geschichte zu erzählen, aus der unbedingt ein Buch werden müsse: die Geschichte von Oskar
Schindler. Leopold Page, der in einem früheren Leben als Krakauer Jude und polnischer Offizier Leopold Pfefferberg hieß, war einer von denen, die Schindler gerettet hatte. Ein paar Monate später flog Keneally mit
Page/Pfefferberg nach Europa und Israel, um die Erinnerungen von möglichst vielen "Schindlerjuden" zusammenzutragen. 1982 erschien Keneallys Bericht in den USA unter dem Titel "Schindler's List" und wurde ein
Bestseller, der Universal-Boß Sidney Sheinberg kaufte die Filmrechte. "Es ist das einzige Mal, daß ich Spielberg ein Buch direkt angeboten habe", sagt Sheinberg, und Spielberg sagt: "Ich glaube, ich habe mich sonst
nie so rasch und eindeutig für einen Stoff entschieden." Spielberg erinnert sich genau, welche Szene des Buchs ihn überwältigt hat: Schindler macht auf einem Ausritt mit seiner deutschen Freundin Ingrid auf einer
Felskuppe halt, von der man hinabsehen kann in das Vorstadtghetto Podórze. Er sieht, daß dort eine Räumungsrazzia im Gange ist, er sieht, wie ein kleines Mädchen im roten Kleid daneben steht, als ein kleiner Junge erschossen wird,
und er sieht, wie dieses Mädchen - gegen alle Wahrscheinlichkeit - langsam davonschlendert, sich versteckt und entkommt. Bevor er nach Krakau fuhr, hat Spielberg sich diese Szene noch einmal von Schindlers Freundin
Ingrid genau beschreiben lassen (sie lebt heute, mit einem Schindlerjuden verheiratet, in New York), in Krakau dann stellte er seine Kamera auf der Felskuppe auf und rekonstruierte die Szene am historischen Ort. "Dieser
Augenblick ist so gewichtig", sagt Spielberg, "weil in ihm die ganze Ungeheuerlichkeit sichtbar wird, die Schindler nicht ertrug." Als Anfang 1943 der Kommandant Göth alle Krakauer Juden im Arbeitslager
Plaszów kasernieren wollte, kam ihm Schindler listig zuvor, um denen Sicherheit zu geben, als deren Beschützer er sich verstand: Er errichtete für seine gut 1000 Arbeiter hinter der Fabrik ein eigenes Lager mit Baracken,
Stacheldrahtzaun und Quartier für die SS-Wachmannschaft. Der unermüdliche Leopold Pfefferberg besorgte auf dem Schwarzmarkt, was die SS an Häftlingsnahrung nicht lieferte, und er besorgte ebenso reichlich, was immer
Schindler an Zigarren und Schnaps, Pelzen und Juwelen zur Korrumpierung der SS-Hierarchie und besonders des unersättlichen Amon Göth brauchte. So florierte das Unikum dieses Privat-Lagerbetriebes bis zum Herbst 1944;
Schindler hatte ihn "kriegswichtig" gemacht, indem er ein paar Drehbänke für Granathülsen aufstellte, zudem lancierte er das Gerücht, er fabriziere Zubehör für Geheimwaffen. Als aber auch in Plaszów die systematische
Liquidierung der Juden begann, organisierte Schindler die Flucht: Auf 250 Eisenbahnwaggons ließ er seinen gesamten Maschinenpark westwärts ins mährische Brünnlitz transportieren, wo er sich ein passendes Industriegelände besorgt
hatte. Auch all seine angeblich unentbehrlichen Spezialarbeiter nahm er mit, über 1000, und da eine Schar von Kindern darunter war, erfand er die dreiste Erklärung, nur die mit ihren schmalen Händchen seien fähig, Granathülsen von
innen zu polieren. Das Namensverzeichnis zu diesem Transport, das Dokument, das den beispiellosen Exodus amtlich genehmigte, ist als "Schindlers Liste" zum Begriff geworden.
In Brünnlitz hat er mit seinen Schutzbefohlenen die Mietek Pemper ist ein zierlicher alter Herr, den das Schicksal vor 50 Jahren, Mietek Pemper ist
der Mann, der "Schindlers Liste" getippt hat. Nach dem Krieg war er einer der Hauptzeugen im Prozeß gegen Amon Göth, der 1946 in Krakau hingerichtet wurde, und als er später in den Westen übersiedelte, brachte er ein
ganzes Privatarchiv mit. Mit dem Autor Thomas Keneally hat er 1981 eine Besichtigungsfahrt nach Dachau unternommen, doch für seine strengen Ansprüche ist das Buch des Australiers zu "romanhaft" und in Details ungenau.
Daraus, meint Pemper, könnten böswillige Leute folgern, das Ganze sei ein Lügenwerk. Amon Göths Tochter zum Beispiel, so erinnert er sich, hat 1983 in einem Leserbrief an den SPIEGEL erklärt, Göth und Schindler seien
"die besten Freunde" gewesen, und die Rettung der Juden sei im Grunde mehr Göths Verdienst. Das weiß Pemper doch besser. "Haben Sie mit eigenen Augen gesehen, wie Göth Leute erschoß?" - fragt ihn Steven
Spielberg, und Pemper beginnt zu erzählen, wie das war, wenn der Hauptsturmführer das Diktat unterbrach und zum Jagdgewehr griff. Seit er in Krakau dreht, hat Spielberg immer wieder "Schindlerjuden" dorthin
eingeladen, um ihnen im Gespräch noch unbekannte Details zu entlocken. Leopold Pfefferberg zum Beispiel, und nun Mietek Pemper. Pemper schaut sich in der düsteren Fertigungshalle einer noch produzierenden Email- warenfabrik bei
Krakau um, wo Spielberg seine Darsteller zwischen die Arbeiter eingereiht hat. Was an Maschinen in dieser Halle stampft, rumpelt und zischt, stammt aus der Vorkriegszeit, nichts scheint erneuert worden zu sein: für den Film
optimal, doch vielleicht auch ein Grund, weshalb aus dem Kommunismus nicht wurde, was man sich von ihm erhofft hatte. Pemper hat eben erzählt, daß der Kettenraucher Schindler in der Fabrikhalle seine Zigaretten immer schon nach
dem ersten Zug wegzuwerfen pflegte - wo sie natürlich gleich vom nächsten Arbeiter eingesteckt wurden. Und nun kann Pemper, neben Spielbergs Kamera plaziert, mitansehen, wie Liam Neeson im schicken Zweireiher breitspurig durch die
Halle stolziert, Zigarette um Zigarette anzündet und mit lässiger Eleganz fallenläßt. Auch im Fall Schindler gibt es das, was Spielberg - mit Hinweis auf das Rätsel-Schlüsselwort in "Citizen Kane" - die
"Rosebud-Frage" nennt: Was trieb ihn auf seine unglaubliche Bahn? Was bewog diesen scheinbar opportunistischen, genußsüchtigen Glücksritter, eine so halsbrecherische Sache zu beginnen - zu einem Zeitpunkt, als noch
jedermann des Endsieges sicher war-, und was brachte ihn so weit, daß er für den guten Schluß geradezu kamikazehaft sein ganzes Vermögen opferte? Schon Keneally mußte sich in seinem Buch eingestehen, daß kein
Schlüsselerlebnis Schindlers außerordentliches Verhalten erhellt, und auch Spielberg dreht die Frage in Gesprächen um und um. "Warum hat er das getan? Vielleicht konnte ich dieses Filmprojekt all die Jahre aufgeben, weil ich
auf diese Frage keine Antwort fand. Inzwischen denke ich, das Besondere der Geschichte ist, daß es keine Erklärung gibt." "Schindler war bestimmt kein Typ, der sich opfern wollte", sagt Mietek Pemper,
der nach dem Krieg Psychologie und Soziologie studiert hat. "Er wollte nicht nur uns, sondern auch seine Fabrik retten. Vielleicht hat er einfach Pech gehabt und den Frontverlauf bei Kriegsende falsch eingeschätzt. Wäre er
noch ein Stück weiter nach Westen gezogen, so hätte er als Fabrikant mit Aluminiumbesteck und Töpfen gleich eine neue Karriere beginnen können." Wie die Dinge nun aber lagen, ist Schindler in der Nachkriegsnormalität nie
wieder recht auf die Füße gekommen. Ein paar Jahre hat er es als Nutria- farmer in Argentinien versucht (wo seine Frau heute noch lebt), dann als glückloser Geschäfts- mann in Frankfurt - im Grunde haben seine Juden ihm gedankt,
indem sie nun ihn unterstützten und durch- brachten, bis zu seinem Tod. Ein Einwand liegt auf der Hand: Es sei dem Tausendsassa Spielberg gelungen, sich unter allen möglichen Holocaust-Geschichten genau jene anzueignen, die mit
einem Happy-End ausging. Der Film selbst, meint er, werde die Unterstellung erledigen, er sei doch wieder nur an Entertainment interessiert. "Es stimmt, Schindlers Juden sind der Hölle entkommen. Aber ist das ein
Happy-End? Keiner von allen, die ich kennengelernt habe, ist wirklich glücklich geworden, keiner hat sich aus dem Bann der Geschichte freimachen können. Wenn sie sich treffen, sprechen sie nur darüber, denn ihr Leben ist davon
überschattet. Sie können nicht vergessen, und wir dürfen es nicht." Der Spiegel, 21/1993, S. 208 - 213 a |
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